Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 07.01.2010
Nord
Sonderlings-Folklore
Jomar, ein stiernackiger Unsympath, ist irgendwo in Norwegen, wo sich Fuchs und Rentier gute Nacht sagen, Teilzeit-Skiliftbetreiber und Vollzeit-Alkoholiker. Ersteres ändert sich, als sein ehemals bester Freund, der ihm vor Zeiten die Freundin Linnea ausgespannt hat, auftaucht und, nach deftiger, etwas ungelenk als Action-Einlage inszenierter Schlägerei, zu berichten weiß, dass jene Linnea nun einen vierjährigen Sohn von ihm, Jomar, aufziehe - und zwar irgendwo noch weiter im Norden. Also schwingt sich Jomar auf ein Schneemobil und fährt los, was die Verleih-Hymniker zu sehr unangemessenen Vergleichen mit der Rasenmäher-Odyssee "The Straight Story" von David Lynch veranlasste.
Dass Jomar ohne Schneebrille aufbricht, ist ziemlich unglaubwürdig, dient aber dem dramaturgischen Zweck, den schneeblind gewordenen für ein paar Tage zur Reha bei einer einsamen Großmutter und ihrer schulpflichtigen Enkelin (mit Lolita-Touch) unterzubringen. Regisseur Rune Denstad Langlo findet noch mehr Skurrili-Täter am Wegesrand seines mit wunderschönen Landschafts-Panoramen garnierten OffroadMovies, fröhliche Panzerfahrer im militärischen Sperrgebiet etwa. Oder einen Säufer, der sich den Alkohol über schnapsgetränkte Tampons auf dem Kopf zuführt. Aber wenn ein alter Same in vollem Trachtenornat im Sterbezelt am zugefrorenen Wasser untergebracht und dann mit dem einsetzenden Tauwetter, im Wortsinn an der Schnur gezogen in der eisigen Tiefe entsorgt wird, strapaziert das unser Verständnis für norwegischen Humor doch etwas über.
Der Versuch, den lakonischen Stil des Finnen Aki Kaurismäki zu kopieren, scheitert, weil Jomars Reise zu plakativ als Sonderlings-Folklore inszeniert wird. Aber wie Hitchcock sagte: Die Länge eines Films sollte im direkten Verhältnis zum Fassungsvermögen der menschlichen Blase stehen. So betrachtet ist der vorliegende mit seinen 79 Minuten ein guter.
Peter Kreglinger
07.01.2010 - aktualisiert: 07.01.2010 10:48 Uhr