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Joe Bauer in der Stadt

raus aus vietnam!

Nicht wundern, der text heute ist etwas klein geraten, weil ich zum tippen nur die linke führhand habe. Die schlaghand ist aus medizinischen gründen lahmgelegt wie alles andere in diesen großartigen wintertagen. es ist, als habe die stadt sich selbst vergraben. Davon versteht sie was.

Die bahn hat sich entschuldigt, weil der winter die fahrpläne durcheinanderwirbelt. Telekom hat sich nicht entschuldigt, obwohl das mobilnetz im stuttgarter westen zusammenbricht - "wetterbedingt", wie mir eine telekom-dame sagt. Das ganze viertel schweigt wie ein milliardengrab. Alle verbindungen sind gerissen, zumal die post dieser tage trotz heftiger bürgerproteste ihren briefkasten am rosenbergplatz stillgelegt hat, als sei er mein rechter arm.

Elektropost aus florida habe ich bekommen. Eine dame teilt mir mit, ihr mann habe gerade eine seekuh unter seinem boot gestreichelt. Hätte ich eine gesunde rechte, habe ich zurückgeschrieben, würde ich der seekuh und ihrem mann manieren beibringen. florida wird seinen teil noch abbekommen, da bin ich mir sicher.

Der schnee schluckt vieles in der stadt, den lärm und die sünden. Als einarmiger bandit komme ich mir unnütz vor, man hat sich daran gewöhnt, viel zeit auf computertasten totzuschlagen. Mit der linken kann man überleben, aber was sich nur mit der rechten machen lässt, ist erheblich. Das herauszufinden, überlasse ich der fantasie des lesers.

Auf die karlshöhe bin ich gestiefelt, der schnee war bereits platt getrampelt. Florida ist nicht das einzige ausflugsziel von menschen und kühen. Den rückweg habe ich hinunter zum marienplatz angetreten.

An der ecke böblinger straße, wo sich der asia imbiss im ehemaligen wirtshaus mariengarten befand, sind seit neujahr die lichter aus. Die vietnamesische familie, die ihre gäste viele jahre vorzüglich zu günstigen preisen bekochte, hat einen abschiedsbrief an die tür gehängt. Ich höre, die stadt habe das haus verkauft, demnächst werde die filiale einer fast-food-kette einziehen. Dann gibt es klopse im kingsformat. Wenn die benachbarten heerscharen autonomer vegetarier deshalb in heslach mobilmachen, werden sie unterstützung bei den fleischfressern finden. Ich war immer ein freund der amerikaner, aber diesmal gehen sie zu weit, und ich höre die schreie:

amis raus aus vietnam!

Im kleinen asia imbiss konnte man besser, gesünder und schärfer essen als in manch scharfem und teurem großtuer-ristorante. Ich habe im asia imbiss sogar mal einen sternekoch beim mittagsmahl erwischt. Er tippte mit der linken auf seinem laptop. In der rechten hielt er den löffel, den man jetzt abgab. Eines tages wird man diese stadt ground 21 nennen, dann sind wir auf dem zeropunkt.

Beim einfingertippen bekomme ich lust auf vietnam-eintopf, weil man vietnam-eintopf einwandfrei einhändig schlürfen kann, und mir gehen die vorteile der kaputten rechten durch den kopf. Ich muss keine seekühe melken und keinen schnee schippen. Ich kann mein ganzes verkorkstes leben auf diesen verfluchten arm schieben.

Meine sätze hätte ich heute aus technischen gründen etwas knapper formulieren müssen, aber der linken fehlt ohne die rechte hand des teufels die bremse. Ungebremst fordere ich hiermit neue räume für den asia imbiss am marienplatz, und zwar in aller und alter schärfe.


Joe Bauer liest am Mittwoch, 24. Februar (20 Uhr), im Theater Rampe. Musikergäste sind Los Santos und Dacia Bridges. Karten: 0711 / 620090916.
 

Joe Bauer

13.01.2010 - aktualisiert: 13.01.2010 10:34 Uhr

 



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