Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 14.01.2010
Nanga Parbat
Die Antwort bleibt aus
Ginge es nur um Bilder, könnte Joseph Vilsmaier (70) zufrieden sein: Er zeigt den Himalaja in all seiner Pracht und die tödliche Gefahr durch das unstete Wetter, er hat historische Kleidung und Kulissen ausgesucht, in Südtirol, in München und fürs Expeditions-Zeltlager am Fuß des Nanga Parbat (8125 Meter), dem "Schicksalsberg der Deutschen", an dem viele Alpinisten den Tod fanden.
Doch es geht um viel mehr: die erstmalige Besteigung des Bergs im Jahr 1970 über die im Süden gelegenen Rupal-Flanke, mit 4500 Metern die höchste Gebirgswand der Erde; diese gelang den Brüdern Reinhold und Günther Messner zwar, doch Günther blieb auf der Strecke. Reinhold wählte für den Abstieg die im Westen gelegene Diamir-Flanke. Kritiker haben ihm stets vorgehalten, er habe das getan, weil er den Berg nicht nur besteigen, sondern überschreiten wollte, was vorher niemand geschafft hatte, und dafür seinen Bruder geopfert. Die Ungewissheit ist also der Stachel in diesem Bergsteigerdrama, doch anstatt damit umzugehen, hat Vilsmaier sie umgangen - und Reinhold Messner als "Berater" engagiert.
Zunächst ist zu sehen, was verbürgt ist: wie Messner großspurig die Überschreitung in den Raum stellt, wie er alles tut, um als Erster auf den Gipfel zu kommen, wie er zum Alleingang ansetzt wie 1953 sein Vorbild Hermann Buhl, der Erstbesteiger des Bergs, und wie Günther ihm ohne Ausrüstung nacheifert. Nun kommt Messners Lesart: Günther holt ihn ein und ist vom Kraftakt schon auf dem Gipfel erschöpft, die Diamir-Flanke erscheint als bessere Route, die Kollegen Felix Kuen und Peter Scholz, die Reinhold am Folgetag von weit weg sieht, können nicht helfen.
Schwindlig wird einem beim Zuschauen selten, Vilsmaiers Kamerablick ist viel verträumter als jener in Bergsteiger-Extremfilmen wie "Vertical Limit". Dafür zeigt er ausführlich das Sterben Günther Messners mit Schneesturm und Frost-Biwak in der Todeszone - und wie Reinhold alles gibt, ihn zu retten. Messner hat den Tod des Bruders nie verwunden und wiederholt die Expeditionsleitung beschuldigt. 2001 tat er dies erstmals auch mit seinen Kollegen, die höflich geschwiegen hatten und nun aus der Deckung kamen. Hans Saler analysiert in seinem Buch "Zwischen Licht und Schatten" (2003) die Widersprüche in Messners Aussagen über die Jahre und kommt zu einem eindeutigen Fazit: Es gab keine vernünftige Alternative zur Aufstiegsroute, denn nur dort war Hilfe für Günther zu erwarten, und die inzwischen verstorbenen Kuen und Scholz erklärten stets, es habe sehr wohl Rufkontakt bestanden - und Reinhold Messner habe behauptet, es sei alles in Ordnung.
Sicher, Günthers Tod geht ebenso an die Nieren wie die Passion des Reinhold Messner, der halb erfroren von Einheimischen gerettet wird und wie durch ein Wunder überlebt. Doch es bleibt das Unwohlsein darüber, dass Vilsmaier so klar Partei ergreift, wo Aussage gegen Aussage steht - und lieber Reinhold Messner die Absolution erteilt, als sich dem eigentlichen Drama zu stellen.
Bernd Haasis
14.01.2010 - aktualisiert: 14.01.2010 11:50 Uhr