Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 21.01.2010
A Serious Man
Ein Leben löst sich auf
Als er die Fernsehantenne neu ausrichtet, lässt Larry Gopnik vom Dach seines Hauses den Blick über die gleichförmige amerikanische Vorortsiedlung schweifen und entdeckt die verführerische Nachbarin beim Sonnenbad. Sein Blick bleibt haften, die Zeit scheint stillzustehen, die Irritation des braven Ehemanns und korrekten Professors ist mit Händen zu greifen. Eine großartige Szene, die beide Ebenen des Filmes auf den Punkt subsummiert.
Denn Gopnik ist einer, der gar nichts sieht, gefangen im Weltbild der geordneten 1950er Jahre, das gerade im Begriff ist unterzugehen. Einerseits gesellschaftlich, denn die Handlung spielt mitten in der Zeitenwende des Jahres 1969, die Nachbarin raucht Marihuana, und im Radio läuft Santana, andererseits auch persönlich. Gopniks Leben ist dabei, sich aufzulösen, und auch wenn er das nicht glauben möchte, ist er daran selbst alles andere als unschuldig - unter anderem deshalb, weil er völlig humorlos ist. Ein "serious man" eben in seiner spaßfreisten Form.
Larrys Frau möchte nun mit dem Witwer Sly Ableman leben, der den Entsetzten väterlich an die Brust drückt und ihn mit sonorer Stimme tröstet. Die Kinder wollen ohnehin nichts von ihrem Vater wissen, und nur Larry merkt nicht, dass sein Bruder ein zwar liebenswerter, aber nichtsnutziger Kleingauner ist. Der aggressive Redneck-Nachbar, der vom Jagen mit einem kompletten erlegten Hirsch auf dem Dach des Monstertrucks zurückkommt, plant einen Anbau, der in Larrys Grundstück hineinreicht, ein koreanischer Student erpresst ihn auf perfide Art, und anonyme Briefe gefährden seine Beförderung am College.
Es kommt also richtig dick für Larry, und er sucht Antworten bei geschäftstüchtigen Anwälten und bei versponnenen Rabbis, die ihn mit Worten zu besänftigen suchen. Michael Stuhlbarg gelingt es wunderbar, in der Fassungslosigkeit seines Protagonisten ganz aufzugehen, vom ungläubigen Gesichtsausdruck bis hin zur gebeutelten Körperhaltung. Und auch die anderen Darsteller, diesmal nicht nach großen Namen, sondern strikt nach Eignung ausgewählt, fügen sich perfekt in den ruhigen Fluss haarsträubender Ereignisse ein.
In jeder Szene spiegeln Geisteshaltungen und deren Widersprüche
Manche Filmemacher verfeinern ihr Handwerk über die Jahre immer weiter und entwickeln schließlich eine Meisterschaft, die ihnen fast alles erlaubt - völlig misslingen kann es gar nicht mehr. Die Gebrüder Joel und Ethan Coen sind spätestens seit ihrem Oscar-Erfolg mit "No Country For Old Men" in dieser Sphäre angekommen. Wie sie nun ihre eigene Jugend als Söhne einer jüdischen Familie in einer gesichtslosen Vorortsiedlung in Minnesota satirisch aufarbeiten, ist eine Offenbarung: Eine Einstellung gleitet da organisch in die nächste, als wäre alles eins, und in jeder Szene spiegeln sich Geisteshaltungen und zugleich deren Widersprüche.
Der Film entfaltet vor allem deshalb große Wirkung, weil er aus vielen kleinen Alltagsminiaturen ein stimmiges Mosaik formt, in dem nicht einmal Gott mehr helfen kann.
Bernd Haasis
21.01.2010 - aktualisiert: 21.01.2010 10:41 Uhr