Einen weiteren versuch mit der linken gestehe ich mir heute zu, das kleingeschriebene ist mir gar nicht mehr so unsympathisch, seit man meine rechte geschient hat. Es gibt genügend dinge in der stadt, die man nicht klein schreiben dürfte, wollte man ihrem anspruch gerecht werden. Dazu gehört FRAU EISENMANN, die amtierende kulturbürgermeisterin und womöglich bereits zurückgetretene oberbürgermeister-kandidatin.
Ich will aber nicht mit der tür ins haus fallen, mit einem kaputten arm liegt man noch schneller auf der schnauze als mit zwei gesunden. Klar nutze ich die zeit, um auf zwei gesunden beinen in der stadt herumzulaufen, aber meistens taugt das wetter nichts. Ich hatte das gefühl, es regnete Schnee, als ich in ostheim an der ecke rechbergstraße/haußmannstraße das schild eines orthopädie-geschäfts sah und mich kindisch freute: der laden für "bequem- und spezialschuhe" heißt stöckelmayer. Dieser name fügt sich fast so gut wie am stöckach der des frisiersalons härle. Es ist bei gott keine anspielung auf ihren familiennamen, wenn sich mancher hardliner von der ob-wahl wünscht, die kulturbürgermeisterin möge siegen - nur dann regiere im rathaus endlich ein mann. Schon in ihrem jetzigen job hat sie die amtsstuben und party-locations härter als mancher macho mit rock'n'roll bespielt. Der sound ist scharf geworden im rathaus, hin und wieder groovt frau eisenmann namensgerecht wie iron maiden: seit ihrer herrschaft auf sport- und schulterrain muss man stuttgarter klassenzimmer und turnhallen immer öfter mit stahlnetzen vor dem einsturz schützen.
Es ist aber nicht die eisenmann, die den krieg entscheidet. Es ist die eisenbahn. Das weiß man, seit es die eisenbahn gibt. Im amerikanischen bürgerkrieg von 1861 bis 1865, das habe ich als freund der countrymusik gelernt, spielte das eisenbahnnetz eine entscheidende strategische rolle. Die schlauen preußen schickten umgehend militärische beobachter nach amerika und begriffen schnell, dass man schlachten nur mit guten gleisen und zügen gewinnt. Schon ein jahr nach dem sezessionskrieg sollten dies die österreicher und ihre verbündeten aus württemberg, baden usw. im sogenannten deutschen krieg zu spüren bekommen. die preußen hatten nicht nur bessere gewehre, sondern auch mehr schienen.
Keiner hätte gedacht, dass fast anderthalb jahrhunderte später wieder ein heftiger eisenbahnkrieg in einem deutschen splitterstaat ausbrechen könnte, nämlich im schönen stuttgart in württemberg. Zwar haben die gezogenen läufe der preußen längst die vorderlader der österreicher abgelöst und manche schlachten sogar in der luft stattgefunden. Aber in stuttgart treffen sich nach wie vor rebellen an der bahnstation, um ihr land gegen uniformierte staatstruppen zu verteidigen. Es ist der bürgerkrieg in den köpfen, es geht um das "recht auf stadt", wie man in fortschrittlicheren städten wie berlin oder hamburg sagt. Die stadt, rufen die rebellen, gehört den bürgern, und nicht den politikern.
Selbstverständlich halten sich die befürworter der stuttgarter tieferlegung für den fortschrittlichen teil der menschheit und belächeln ihre gegner und kritiker (was man generell nicht mehr unterscheidet) als gestrige, weltfremde käuze. Interessant wäre zu wissen, welche fortschrittliche musik sie hören, welche fortschrittlichen bücher sie lesen, welcher fortschrittlichen kunst und architektur sie folgen, wenn die planer der zukunft als bürgermeister, als stadtrat oder mister stuttgart 21 ihre pflichten im dienst einer fasnetsgefärbten provinzkultur erfüllen.
Um dies zu klären, stiefele ich weiterhin bei schneeregen nach ostheim oder botnang, wo eine gut geschützte parkbank an den gleisen frei sein dürfte. Dort kläre ich die kriegsentscheidende frage: Wem gehört die schwäbische eisenbahn? Die schwebende eisenmann ist nicht so wichtig.
Joe Bauer liest am Mittwoch, 24. Februar, im Theater Rampe. Musikergäste im Flaneursalon sind Los Santos und Dacia Bridges. Karten: 0711/620090916.