Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 28.01.2010
Ein russischer Sommer
Bis zum Äußersten
An einem kleinen Bahnhof in der russischen Provinz sind Anfang des 20. Jahrhunderts notdürftig Zelte für die Weltpresse aufgebaut: Leo Tolstoi, in seiner russischen Heimat schon zu Lebzeiten ein Nationalheld und auch international prominent, macht in Astapovo Station, wo es weder Hotel noch Fremdenzimmer gibt. Schwer an Lungenentzündung erkrankt, liegt er im Schlafzimmer des Bahnwärterhäuschens, und man ahnt, dass er dort sterben wird.
Das ist nur einer von vielen Erzählsträngen in Michael Hoffmanns herausragendem Film "Ein russischer Sommer". Christopher Plummer spielt den über 80-jährigen Autor sehr alt mit einem großen Rauschebart, aber dennoch vor Ideen sprühend. Er steckt mitten in einem Kampf um seinen Nachlass: Seine Frau Sofja möchte ihren Teil, doch Tolstoi denkt schon an den Nachruhm und will alles dem Volkswohl vermachen. Sofjas Kontrahent ist Wladimir Tschertkow, Anführer der Tolstoi-Bewegung und Vertrauter des Autors. Paul Giamatti spielt diesen Tschertkow als einen, der vollkommen von der Bewegung besessen ist. Psychologisch geschickt lavierend, setzt er seine Interessen durch. Helen Mirren geht als Sofja bis zum Äußersten, ihre Haltung ist verständlich, doch ihre Hartnäckigkeit und Schonungslosigkeit sich selbst gegenüber auch befremdlich. Gespiegelt wird dies mit der Geschichte des jungen Sekretärs Walentin und seiner Liebe zur Köchin Mascha, selbstbewusst und freizügig gespielt von Kerry Condon.
Bei Hoffmanns Film stimmt einfach alles: Liebevoll und bis ins Detail wurde das Landleben aufwendig rekonstruiert. Hier herrscht keine Melancholie à la Tschechow, alle packen an, technische Errungenschaften wie Filmkamera, Grammofon oder Eisenbahn werden selbstverständlich genutzt. Persönliche Konflikte sind bis zur Unerträglichkeit zugespitzt, zu erleben ist das Scheitern einer Ehe nach 48 Jahren.
Armin Friedl
28.01.2010 - aktualisiert: 28.01.2010 11:58 Uhr