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Joe Bauer in der Stadt

Der größte Rockstar aller Zeiten

Mancher sonnige Spanner hält den Winter für unerotisch, weil an kalten Tagen von den Menschen nichts zu sehen ist. Oft sind sie scheußlich ganzkörpervermummt, Männer wie Frauen. Deshalb aber gleich mangelnde Erotik zu beklagen, sagt nur etwas über die geistige Verarmung der Lüsternen. Es fehlt an Fantasie. Speziell für winterfeste Säcke über Menschenkörpern gilt das Pralinenschachtelprinzip aus "Forrest Gump": "Man weiß nie, was drinsteckt." Womöglich eine Rotznase von der CDU. Der Kreisvorsitzende der sogenannten Jungen Union, Benjamin Völkel, hat dieser Tage gesagt: "Die überhebliche Verhinderungspolitik der Alten gegen Stuttgart 21 widert mich an."

Alte, also Zeitgenossen im Winter ihres Lebens, hätten "in den vergangenen 60 Jahren vom Wohlstand Stuttgarts profitiert". "Heute", so der junge Herr, "haben sie ihr Schäfchen im Trockenen, scheuen Veränderungen und verbauen damit meiner Generation die Zukunft."

Hiermit stelle ich fest: Als Altsack scheue ich keinerlei Veränderung, wenn sich 22-jährige Wichtigtuer in die Politik einmischen und versuchen, ihr Schäfchen ins Trockene zu bringen, obwohl sie selbst als ausgewachsene Schafseggel noch nicht trocken hinter den Ohren sind.

Weil die Attacke auf die Alten wahrscheinlich von einem erotischen Problem in winterlicher Dunkelheit herrührt, gilt für den Junge-Union-Chef die schwäbische Version des Pralinenschachtelprinzips: Profilierungspolitik erscheint ihm geil, aber er steckt halt nicht drin.

Die gerontologischen Erkenntnisse des Juniors passen zu der Forderung des ehemaligen JU-Bundesvorsitzenden Philipp Mißfelder, Zeitgenossen im Seniorenstand sollten auf künstliche Hüftgelenke verzichten: "Früher sind die Leute auch auf Krücken gelaufen". Seit Elvis tot ist, könnte man diesen Satz so stehen lassen - würde Politik heute nicht von Krücken gemacht, die noch nicht mal laufen können.

Politiker aber müssen nicht laufen, sondern reden. Der noch amtierende Ministerpräsident und designierte Europapolitiker Günther Oettinger hat nach seiner in Englisch gehaltenen Rede von Berlin einen Video-Megahit im Internetportal You Tube gelandet. Damit dürfte er, ähnlich wie sein italienischer Kollege Silvio Berlusconi, reif sein für die Titelseiten großer Magazine. Berlusconi schaffte es aufs Cover des italienischen "Rolling Stone", weil die Redakteure die Ladykiller-Instinkte des ItaloCavaliere weit über das Flachlegertalent harter Jungs wie Keith Richards, Brian Jones und Rod Stewart stellten. Verglichen mit Italiens "Rockstar des Jahres 2009", so das Magazin, wirkten die britischen Aufreißer der wilden Jahre wie Schuljungen.

Zieht man in Betracht, dass Oettinger eine zwanzig Jahre jüngere Dame zur First Lady gekürt und Bier aus seinem eigenen Schuh getrunken hat, muss klar sein: Nach seinem Video-Coup ist er Ditzingens größter Popheld aller Zeiten. Die You-Tube-Rede brachte ihm noch mehr Schlagzeilen ein als seine berühmten letzten Worte für den toten Filbinger. Deshalb darf er heute zu Recht wie der britische Musiker Bill Wyman singen: "Je suis un Rock Star".

Das klingt zwar so wenig englisch wie Oettingers Berlin-Vortrag, würde aber bei seinem Talent zur geschliffenen Aussprache keine Rolle spielen. Großes Showgeschäft funktioniert grenzübergreifend. Schließlich begreift auch jeder von Stuttgart bis Korntal, was gemeint ist, wenn sich Oettinger auf Deutsch versucht. Und da wird es richtig hävy.

Nicht vergessen dürfen wir, dass Oettinger Richtung Seniorenalter marschiert, während sich sein Parteinachwuchs den Weg in die Zukunft bahnt. Nähme man den völkelschen Beobachter der Jungen Union beim deutschen Wort, müssten die Köpfe der Alten rollen, damit die Flügel des Bahnhofs fallen. Diese Vorstellung aber wäre zu viel der Ehre für einen Schulbuben, der auch verbal an Krücken geht.


Joe Bauer liest am Mittwoch, 24. Februar, im Theater Rampe. Musikergäste sind Los Santos (mit Stefan Hiss) und Dacia Bridges. Karten: 0711 / 620090916.
 

Joe Bauer

28.01.2010 - aktualisiert: 28.01.2010 19:08 Uhr

 



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