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Landesmeisterin

Die Miss Tabledance heißt Vicky

Stuttgart - Ob Kunstform oder Schmuddelkram, klar ist: Kaum einer der meist männlichen Besucher im Nachtclub Four Roses am Leonhardsplatz besitzt annähernd die Gelenkigkeit der elf Damen, die sich am frühen Samstagmorgen um den Titel „Miss Tabledance Baden-Württemberg“ beworben haben.

Unser Fotograf Torsten Rothe war mit der Kamera dabei!
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Samy, 23, hat schon mehrmals die Woche trainiert. Vicky, 30, wird demnächst in einer Tabledance-Schule Akrobatik üben. Das müsse sein vor dem Deutschland-Finale in Berlin, sagt sie. Beim Landes-Wettbewerb im Stuttgarter Four Roses hat es für sie am Ende noch gereicht: Sie gewann den Titel „Miss Tabledance Baden-Württemberg“.

Im Nachtclub am Leonhardsplatz sind Männer auf der Suche nach den realen Bildern ihrer erotischen Fantasie. Dafür bringen die Tänzerinnen Nacht für Nacht Leistung. An diesem Samstag ist zusätzlich Sportsgeist gefragt. Der Club wird zur Arena, wo Erotik nach Regeln bewertet wird. Verlangt wird Akrobatik an der Stange. Die dreiköpfige Jury vergibt zudem eine Art B-Note, bestehend aus Optik der Damen, Kostüme inklusive, und der sogenannten Interaktion mit dem Publikum. Soll heißen: Je öfter die Gäste mit Blicken auf die Bewegungen der Akteure reagieren, desto besser – wobei die Berührung der Damen unterbleiben sollte.

Allerdings sind die Ausweichmöglichkeiten begrenzt (was vielen Beobachtern nicht unrecht ist). Alle Sitz- und Stehplätze sind belegt, als die erste Tänzerin die Arena betritt. Mancher auf den Sitzbänken an den Stangen kommt sich vor „wie in einer vollen Stadtbahn“. Patricia, Lucia, Carla, Michelle, Nikoletta – Nachnamen gibt es nicht im Erotikgeschäft – ziehen alle Register.

Zuweilen möchte sich der ungeübte Tabledance-Gast wegducken, so knapp fegen hochhackige Absätze auf Augenhöhe vorbei. Jede Darbietung endet oben ohne, das hat der Veranstalter, eine Agentur aus England, vorgeschrieben. Ist Tabledance nur billige Anmache? Wer so denkt, lässt die sportliche Komponente außen vor. Körperbeherrschung und Kraft sind gefragt, wenn die Shows wirken sollen, als seien sie kinderleicht. Die durchweg gut trainierten Tänzerinnen erledigen harte Arbeit. Ihre Dienstleistung heißt: Erotik zum Anschauen. Wer mehr sucht und es drauf anlegt, fliegt schneller aus dem Laden, als er reingekommen ist.

Bei der Miss-Wahl am Samstag entspricht das Publikum nicht der üblichen Mischung im Four Roses. Fast jede Tänzerin hat eine Art Fanclub dabei. Vickys Anhänger lassen es am Ende Geldscheine regnen, der Lohn für den besten Tanz. Samy aus Bad Cannstatt tanzt sonst in der nahe gelegenen Tahiti-Bar, sie wird von ihrer Freundin unterstützt und ist enttäuscht, dass es nur zum zweiten Platz gereicht hat. Ihre waghalsigsten Verrenkungen des Abends – inklusive eingesprungenen Spagats – waren der Jury zu wenig. Oder lag’s am selbst genähten Fummel mit Hut?

Four-Roses-Betreiber Joachim Ott, ein erfahrener Profi, ist zufrieden. Mit Vicky hat eine seiner Damen gewonnen. Weil es aber so knapp war, sagt das Kampfgericht, dürfe auch Samy im Mai beim Deutschland-Finale mittanzen. Den Erotikwettstreit sieht Ott nicht nur als Werbung für seinen Club, er möchte die Branche auch „etwas aus der Schmuddelecke rausholen“. Bei der räumlichen Nähe zu den Prostituierten in der Leonhardstraße ist das nicht einfach.

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Schärpe, Blumenstrauß, Küsschen, Siegerfoto. Die Kür ist vorbei. Gegen 2 Uhr nachts ist wieder Alltag für die Tänzerinnen: Jetzt fallen die Hüllen vorwiegend vor Männern mit zunehmender Schlagseite. Der Kampf um Geldscheine, die Gäste in Strumpfband und Höschen stecken, beginnt. Die Mädchen geben zudem alles für eine einträgliche Solo-Show im Séparée, den sogenannten private dance. Und je früher der Morgen, desto häufiger gibt es für aufdringliche Besucher eins auf die Finger.
 

Michael Deufel; alle Bilder: Torsten Rothe

01.02.2010 - aktualisiert: 01.02.2010 10:46 Uhr

 



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