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Joe Bauer - SPORT

Schuhputzer für Van the Man

Foto: dpa

Seit Nick Hornbys literarischen Pubertätsstudien (,,Hi Fidelity") kennen auch Fußballverächter die Spezies Fußballfans, die Rockmusik hören und Bücher kaufen, Filme schauen und Sex haben. Diese Zeitgenossen, längst gealtert, steckt man gern in einen Käfig voller Klischees. Sie müssen den FC Bayern hassen und den FC St. Pauli lieben. Und meistens ist alles nicht wahr.

Wenn ich mich richtig erinnere, lagern in meinem Trophäenschrank neben einem T-Shirt mit St. Paulis Totenkopf zwei gehäkelte Topflappen mit StuttgarterKickers-Emblem aus dem Strickladen Oma Schmidts Masche. Das ist für einen Erwachsenen peinlich. Man stattet sich wohl so aus, um nicht mit Marketingschreiern verwechselt zu werden, die montags im Büro nur deshalb etwas über den VfB daherlabern, weil die Kollegen samstags nicht mehr wie früher "Wetten dass ...?" schauen. Sie sind jetzt Fußballpartylöwen.

Keiner aus der Willi-Wichtig-Abteilung kann es sich imagemäßig noch leisten, Fußball zu ignorieren. Das mag den Trainer Veh kürzlich motiviert haben, das Stadionpublikum mit "Opernbesuchern" zu vergleichen. Kaum hatte sein schiefes Bild die Runde gemacht, krachten in Wolfsburg die Türen: Der Ulmer Schwabe Hoeneß feuerte den Augsburger Schwaben Veh und installierte den Oberfranken Lorenz als Trainer. Die Götterdämmerung war das nicht. Vielmehr Provinztheater, wie es leibt und lebt.

Seit "Bild" angekündigt hat, der HSV erwarte in Torjäger Ruud van Nistelrooy, 33, einen "echten Welt-Star", herrscht Hektik im Medienzirkus des WeltmeisterschaftsFavoriten Deutschland. Der betagte Stürmer aus Holland, einst bei Manchester United und Real Madrid ein Superstar, ist ständig Thema, obwohl er für Hamburg noch gar nicht gespielt hat. TV-Reporter wollten nach dem 1:1 gegen Wolfsburg von den HSV-Spielern wissen, wie es sich anfühle, einen lebenden Weltstar zu treffen. Ihn womöglich zu riechen, zu berühren. Die HSV-Spieler reagierten zum Glück mit Humor ("Wir werden die Jobs, ihm Schuhe und Schienbeinschützer zu bringen, gerecht verteilen") und Aufklärung ("Wir sind keine kleinen Kinder").

Merkwürdige Aufregung. Van Nistelrooy verkörpert eine Kategorie Superstar, wie man sie im Showgeschäft häufig findet: Als Könner neigt er zu Demut und Respekt, vor allem gegenüber dem Publikum. Der Niederländer gibt sich weit bescheidener und stilvoller, als wir es von hausgemachten Superstars wie Jens Lehmann kennen.

Dennoch muss van Nistelrooy, in England einst als "Van the Man" verehrt, hierzulande wie ein Alien erscheinen. Bisher hat man Spieler der Handelsklasse Podolski/Schweinsteiger wie Popstars von Weltformat gefeiert. Man erinnere sich an Podolskis Wechsel von München in die Fußball-Diaspora Köln (wo der 1. FC gewinnt, seit "Prinz Poldi" nicht mehr spielt).

Mangels wahrer internationaler Größen, wie sie in langen Unterhosen für die Bayern spielen, hat man in der Bundesliga welche dazu ernannt. So wundert es nicht, wenn Allerweltskicker ihre stattlichen Gagen mit dem Hinweis begründen: Auch in Hollywood werde Geld verdient. Mancher lendenlahme Linksverteidiger kommt sich bei dieser Sichtweise tatsächlich vor wie Robbie Williams - und wachsendes Laienpublikum bestätigt ihn.

Dem eleganten van Nistelrooy wünscht man, dass er wieder groß wird. Hamburgs erster Weltstar seit Kevin Keegan stärkt den Mythos vom urbanen Klassenkampf zwischen Popeiern (HSV) und Punkrockern (St. Pauli). Keiner weiß zwar, ob er sein Geld noch wert ist. Aber egal. Als Kickers-Verlierer abseits jeder Klasse reizt mich die Aussicht auf 80 Erstligaminuten mit der Frage aller Fragen: Wird Van the Man noch eingewechselt? Die Wetten sind hoch.
 

Joe Bauer

01.02.2010 - aktualisiert: 01.02.2010 11:20 Uhr

 



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