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Joe Bauer in der Stadt

Salz und Schmalz, Gott erhalt's

Es war im Februar 2010, als Gott mehr Schnee vom Himmel auf die verkommene Erde hinabwarf, als es die Stuttgarter verkraften konnten. Der Schnee war überall. Er fiel in die Straßen, in die Gärten, in die Hosenschlitze. Er rieselte durch die Häuserfenster in die Schlafzimmer, und mancher Investmentbanker schrie morgens laut auf, weil er träumte, neben seinem Fluchtbett sei ein Sack voller Koks geplatzt.

Es herrschte heilloses Durcheinander damals in Stuttgart, auf den Straßen hatte sich der Schnee unter den Mercedes-Reifen in Eis verwandelt, und die Nonnen baten singend um das Salz der Erde. Aber keiner gab ihnen auch nur eine Prise. Es sah nicht gut aus im Februar 2010 in Stuttgart. An den Decken der zugeschneiten U-Bahnstationen taten sich Risse auf, als stürzten die Bahnhöfe bald ein wie die Schulgebäude zuvor. Die Bediensteten der Bahnen riefen zum Streik auf, und die Stuttgarter Kickers machten Winterpause.

Wider alle Gewohnheit stiefelte ich in Türeintreterschuhen mit Gummisohlen durch die Stadt. Ein unwürdiger Anblick, ich schämte mich. Erst nach vielen Blicken durch mein gummiertes Fernglas von Nikon fand ich heraus, wer Schuld an diesem Chaos hatte. Es war nicht Gott. Es war nicht der Oberbürgermeister (der sich auf dem Dienstweg nach Indien verkrochen hatte). Schuld waren die Handwerker.

Handwerker sind Menschen, die nie da sind, wenn man sie braucht. Politiker sind Menschen, die immer da sind, wo sie keiner braucht. In einer Art Selbstanzeige hatten die Handwerker auf Plakaten und Videotafeln in der Stadt ihr Geständnis verbreitet: "Am Anfang waren Himmel und Erde. Den ganzen Rest haben wir gemacht."

Mit dieser Werbe-Losung übernehmen die Handwerker die volle Verantwortung. Handwerker sind schuld an tropfenden Wasserhähnen, an grassierender Schweinegrippe und an Luftangriffen in Afghanistan. Die globale Reklame-Botschaft "Den ganzen Rest haben wir gemacht" sagt uns auch etwas über das Selbstverständnis der Werber. Nur der Rest genügte ihnen nicht. Sie brauchen den "ganzen" Mist, um sich vom bisschen Rest der Welt abzugrenzen.

Auf diese Wortwahl konnte zwischen Himmel und Erde nur eine Werbeagentur kommen, die zuvor einen ganzen Kontinent geschockt hatte: Stuttgart 21, so ihre Parole, sei das "Das neue Herz Europas".

Um die Pumpe anzuwerfen, hat man am 2. Februar 2010 einen Prellbock am Bahnhof versetzt. Ich konnte nicht dabei sein, weil ja irgendeiner den ganzen Rest machen muss, wenn sich Tief- und Hochbauhandwerk mit der Politik zum Orgasmus vereint. Schuster & Co. setzten ihre Nachttöpfe auf, sie hielten lausige Reden und entrollten - wohl zur ewigen Erinnerung an ihre grandiose Olympia-Bewerbung 2012 - dieses Schreckschuss-Plakat: "Auf die Gleise, fertig, los!"

Salz und Hirnschmalz, Gott erhalt's.

Eines muss ich noch sagen, meine Damen und Herren: Nur weil der Angriff auf den Bahnhof beginnt, haben wir keinen Grund, uns in die Bahnhofsmission zu verziehen. Neben Stuttgart 21 gibt es den ganzen Rest der Stadt, und je lauter der Kriegslärm, desto wilder der Tanz auf dem Vulkan. Eine lächerliche Vorstellung, politische Grubenleuchten am Bauloch könnten das richtige Leben wegblenden.

Die Not war groß im Februar 2010, als Gott die Stadt in den Tiefschnee tauchte und die Menschen zueinander fanden. "Könnten Sie mir bitte das Salz reichen?", bat ich meinen Nachbarn, "Leck mich am Arsch", sagte er, "ich hab' selber keins."


Joe Bauer liest am Mittwoch, 24. Februar, im Theater Rampe. Musikergäste sind Los Santos (mit Stefan Hiss) und Dacia Bridges. Karten: 0711 / 620090916.
 

Joe Bauer

03.02.2010 - aktualisiert: 03.02.2010 11:53 Uhr

 



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