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Kurt Leonhard zum Geburtstag

"Gedankenfreiheit heißt für mich Spielfreiheit"

Am Freitag wäre der Autor, Kritiker, Lyriker, Lektor und Übersetzer 100 Jahre alt geworden
 

Stuttgart - Fast ist es wie damals. Wie 1995. Kurt Leonhard, der Kunstschriftsteller, Kritiker, Essayist, Lyriker, Lektor und Übersetzer, feierte einen Geburtstag, der die Kunstszene weit über Baden-Württemberg hinaus für einen Moment im Applaus für ein kaum überschaubares Lebenswerk vereinte. Und zweifellos wäre Leonhard, der solche Ehren kannte, seit er 70 geworden war und den liebevoll-dröhnenden Grieshaber-Zuruf „Das ist Leonhard, der war überall der erste“ nicht mehr los wurde. Eines aber wäre anders, könnte der 2004 in Esslingen Gestorbene die Ehrungen zu seinem 100. Geburtstag an diesem Freitag noch erleben – Leonhard wäre wohl, gewarnt von der eigenen Begeisterung an berechenbarer Realität, noch misstrauischer.

Kurt Leonhard? War ein feiner, ein zurückhaltender und in allem Geäußerten zu ungemeiner Präzision neigender Mann. In ganz anderer Wesie als es Bukowskis Buchtitel will, war er der Mann mit der Ledertasche. Er gab nichts aus, er notierte, sammelte. Über Rom und die Auseinandersetzung mit der Kunst des 13. Jahrhunderts hatte er sich vor seinem 85. Geburtstag in eine Gegenwart abgesetzt, die nichts wissen wollte von der saturierten Erinnerung an die Primärerfolge mit Büchern wie "Die heilige Fläche" (1947) oder "Augenschein und Inbegriff" (1951). Was einzig zählte, war die Überarbeitung, sind die Fragen an eine Kunstaktualität, die Leonhard unversehens wieder im Strom der Zeit stehen ließ. Und so wie das damals neuerwachte Interesse an gestisch abstrakter und konkret-konstruktiver Kunst Kurt Leonhard zurück in den Ring forderte, ist es folgerichtig auch jetzt, da in Esslingen der 100. Geburtstag Leonhards zu feiern ist: das Befragen überflügelt die Repräsentation.

Sieben Jahrzehnte immerhin sind zu würdigen. "Ist Kunst mehr als Kunst?", fragte Leonhard in seinen "Marginalien" der Jahre 1989 bis 1994, um 1992/1993 "Marginalien zu einer Theologie für Ungläubige" zu entwickeln und parallel die Übersetzung einer Hommage von Henri Michaux an Paul Klee zu leisten. Monografische Texte zu Anton Stankowski (1986) und Lucio Fontana (1961) deuten das Spannungsfeld konkret-konstruktiver Kunst und Leonhards ganz eigene Kommentatoren-Position an. Da droht man die Entdeckungen Leonhards als Lektor des Esslinger Bechtle-Verlags (Piontek, Bächler, Härtling, Poethen, Grass, Peter Weiss und Heißenbüttel erleichterte er den Start) fast zu vergessen.

Der letzte Satz soll Kurt Leonhard bleiben. Aktuell ist er wie es fast all seine Sätze bleiben werden: "Gedankenfreiheit heißt für mich Spielfreiheit. Spielfreiheit heißt für mich Widerspruchsfreiheit: nicht frei von Widersprüchen (wie die philosophischen Wörterbücher wollen), sondern frei zum (Widerspruch (der die Gegensätze zusammenfallen läßt)."
 

Nikolai B. Forstbauer

04.02.2010 - aktualisiert: 03.02.2010 20:37 Uhr

 



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