Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 04.02.2010
Up In The Air
Ein Mann auf der Flucht vor dem Leben
Da steht Ryan Bingham nun am Rednerpult und fühlt sich wie sein Rucksack: leer. Jahrelang hat er seinen Mitmenschen gepredigt, sich von überflüssigem Ballast zu befreien, sich nervtötender Zeitgenossen zu entledigen und materielle Besitztümer auf ein sorgenfreies Minimum zu reduzieren. Und dann verschlägt ihm die Selbsterkenntnis auf einmal die Sprache. Es ist ein magischer Moment des Kinos, der keine Worte braucht, einer der großen Momente von George Clooney, der allein durch seinen Ausdruck sagt, was es zu sagen gibt.
Jason Reitman ist nach "Thank You For Smoking" (2005) und "Juno" (2007) ein weiteres Meisterstück gelungen. Die Hauptfigur ist ein bindungloser Vielflieger, der überall in den USA Angestellte feuert - immer freundlich lächelnd und mit dem Hinweis, dies sei doch für alle das Beste, was die Entlassenen naturgemäß anders sehen. Dann schlägt die junge Natalie Keener (Anna Kendrick, "Twilight") Binghams Chef vor, die Entlassungen aus Kostengründen nicht mehr persönlich vorzunehmen, sondern per Videoschaltung. Für den rastlosen Bingham ein Albtraum. Er nimmt Natalie mit auf eine letzte Reise, um sie zu überzeugen.
Die ganze Verachtung neoliberaler Profitjunkies steckt in der Art, wie die Rausschmeißer mit Menschenschicksalen umgehen. Reitman lässt die Gefeuerten schimpfen, flehen, mit Suizid drohen und erfasst im Gegenschnitt jede Regung auf den Gesichtern. Natalie geht manche Szene stärker an die Nieren, als sie zugeben möchte. Und Ryan kommt durch andere Ereignisse ins Grübeln: Er beginnt eine Affäre mit der Vielfliegerin Alex, einer Frau auf Augenhöhe, nimmt sie mit zur Hochzeit seiner Schwester und entdeckt sentimentale Züge in sich.
Anna Kendrick ist eine Wucht als latent hysterische Ehrgeizlerin. Mit kleinen Entgleisungen, einem Zucken der Lippe oder einer fahrigen Geste, vermittelt sie wunderbar unterschwellig, dass die knallharte Geschäftsfrau nur ein vorgetäuschtes Wunschbild ist. Bei Vera Farmigas Alex ist genau das Gegenteil der Fall, sie kann die Dinge auseinanderhalten, auch über die Schmerzgrenze hinaus. In Sachen Souveränität steckt sie mit betörendem Lächeln und kaltem Blick selbst einen Bingham locker in die Tasche. Wo er den Selbstbetrug der Flucht vor jeder Verantwortung noch als Lebensentwurf preist, ist sie längst in der nüchternen Realität angekommen. George Clooney hat schon als Anwalt in "Michael Clayton" (2007) gezeigt, mit welch feinen Nuancen er Charaktere im Zwiespalt ausgestalten kann, mit dem trotz allem sympathischen Ryan Bingham ist ihm nun seine vielleicht differenzierteste Darbietung gelungen.
So etwas ist nur möglich, wenn auch sonst alles stimmt. Jason Reitman hat Walter Kirns Roman in ein makelloses Drehbuch umgearbeitet, es präzise und in zwingender Klarheit ins Bild gesetzt und mit einem fein ausgesuchten Soundtrack unterlegt. Der Film, Reitman als Regisseur, seine Drehbuchadaption mit Sheeldon Turner sowie Clooney, Farmiga und Kendrick sind allesamt für Oscars nominiert. Zu Recht.
Bernd Haasis
04.02.2010 - aktualisiert: 04.02.2010 16:59 Uhr