Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 04.02.2010
Giulias Verschwinden
Alt werden will ja wirklich keiner
Der Schreck ist kurz, aber heftig. Giulia belauscht in der Straßenbahn amüsiert zwei Teenager, die über die Schrecken des Älterwerdens reden, und sie wundert sich ein bisschen über die Worte ihrer älteren Nebensitzerin. "Wir werden unsichtbar." Wir, die Alten. Giulia schaut durch die Scheibe auf Zürich in der Dämmerung, sich selbst gespiegelt sieht sie nicht - wohl aber alle anderen. Corinna Harfouch, die die Giulia spielt, hätte man jetzt noch gern länger dabei zugesehen, wie sich Gefühle von Selbstbelustigung, Nachdenklichkeit, Panik allein in ihrem Blick verraten, mit wenigen nuanciertesten Gesten, einem Zucken im Mundwinkel, einem kaum sichtbaren Seufzen.
Giulia verschwindet und taucht umso strahlender wieder auf. Sie ist die Heldin des Episodenfilms, den Bestsellerautor Martin Suter geschrieben hat. Um die Frau, die ihren 50. Geburtstag in einem Restaurant feiern wollte und sich dann lieber mit einer Zufallsbekanntschaft (Bruno Ganz) in eine Bar flüchtet, kreisen die Lebens-, Liebes- und Lügengeschichten ihrer Gratulanten sowie der Mädchen und der Dame aus der Bahn.
Das Figurenkarussell kommt langsam in Schwung. Und die Verletzungen, die sich die zur Feier eingeladenen Paare zufügen, hätten härter ausfallen und kühler inszeniert werden können. Der Regisseur wird oft überdeutlich. Sunnyi Melles ist eine diabolische Venus von heute, die im Restaurant auftaucht und alle ihrer heimlichen Angst vorm Alter wegen auslacht. Das hätte sich auch erschlossen, wenn man die Dame nicht unter ein Venusgemälde platziert hätte.
Trotzdem: große Begeisterung. Es wird präzise gespielt, André Jung (Lorenz) und Stefan Kurt (Stefan) zum Beispiel lieben und streiten sich, als probten sie für "Wer hat Angst vor Virginia Woolf?". Grandios.
Nicole Golombek
04.02.2010 - aktualisiert: 04.02.2010 17:11 Uhr