Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 04.02.2010
She, A Chinese
Trotzig auf dem Weg nach London
Ein Bauerndorf in China: Wie ein Netz liegt die Monotonie des Alltages über Mei (Huang Lu). Gleichgültig und apathisch hängt sie darin fest. Träge geht sie ihrer Arbeit im elterlichen Billardcafé nach. Gelegentlich zieht sie mit geistig recht eingeschränkten Dorfjungs los. Deren Begehr: Sex. Ein gorillaartiger Lkw-Fahrer vergewaltigt Mei auf einem Feld. Sie erträgt es mit unendlichem Gleichmut. Zumindest nach außen hin. Innerlich wächst ihre Sehnsucht nach mehr. Mehr Leben, mehr Möglichkeiten, mehr Kultur. Sie zieht fort aus ihrem Dorf und landet - nach einem Zwischenstopp in der Millionenstadt Chongqing - in London.
"She, A Chinese" erzählt die Geschichte eines Mädchens, das alles Leid der Welt auf sich zu ziehen scheint. Daran ändert auch ihre Flucht nichts. Auf all ihren Stationen widerfahren Mei Verluste und Demütigungen. Dennoch: Manchmal trotzig, meistens gelassen und immer leise hält das dünne, zähe Mädchen dem Leben wieder und wieder das Gesicht hin. Der Rhythmus des Episodenfilms erinnert an Produktionen von Fatih Akin ("Gegen die Wand", "Soul Kitchen"), den Regisseurin Guo Xiaolu verehrt und dessen Cutter sie engagiert hat, den preisgekrönten Andrew Bird.
Die beiden erschaffen einen ungewöhnlichen Film voll trauriger Poesie, die auch die Literatur Guo Xiaolus kennzeichnet, die sich selbst als "Dorfpunk" bezeichnet. Mit dem Roman "Kleines Wörterbuch für Liebende" bekam die Wahl-Londonerin erstmals internationale Aufmerksamkeit. Darin schreibt sie wie in "Stadt der Steine" und in "Ein Ufo, dachte sie" vom Leben in der chinesischen Provinz - oft kontrastiert mit Kultur und Alltag der westlichen Welt.
Guo Xiaolu liefert keine Lösungen. Ihr Film wühlt die Zuschauer auf und lässt sie dann allein zurück. Aber genau das macht ihn so eindrücklich - und so gut.
Anne Guhlich
04.02.2010 - aktualisiert: 04.02.2010 17:23 Uhr