vom 05.02.2010
Degerloch. Schüler der Karl-Schubert-Schule führen die Zauberflöte auf. Von Simone Käser
Dort führten die Achtklässler am Mittwoch die Zauberflöte auf. Für die Jugendlichen eine Herausforderung, denn die Schüler der anthroposophisch geprägten Einrichtung sind alle geistig behindert. "Gerade weil die Schüler, wie wir es sagen, seelenpflegebedürftig sind, spielt Theater bei uns eine große Rolle", sagte Sabine Brües. Gemeinsam mit Beatrix Wohlfeld leitet sie die Degerlocher Schule. Das Schauspiel biete den Schülern eine Plattform, um sich zu verwandeln und sich dadurch selbst neu kennen zu lernen. "Und wir lernen unsere Schützlinge so auch jedes Mal von einer ganz neuen Seite kennen", sagte Brües.
Unterstützung erhielten die Degerlocher Achtklässler von den Siebtklässlern der Waldorfschule Uhlandshöhe. Wer aber bei den Proben, die im Oktober begannen, schlussendlich wen unterstützte, darüber kann man sich laut Sabine Brües streiten. "Unsere Schüler spielen aus dem Herzen. Ein Waldorf-Schüler brachte das nach den ersten Proben schön auf den Punkt, und zwar indem er sagte: ich glaube, die sind besser als wir."
Doch wer besser und wer schlechter ist, wollte am Mittwochvormittag niemand wissen. Vielmehr interessierten sich die Zuschauer dafür, was nun mit dem edlen Prinz Tamino, dem tollpatschigen Vogelfänger Papageno und der geheimnisvollen Königin der Nacht passiert. Die rund 50 Schüler zeigten es ihnen: In aufwendige Kostüme gehüllt und vor einer liebevoll gestalteten Kulisse spielten, sangen und tanzten sie gut gelaunt miteinander. "Es gab zu keiner Zeit Berührungsängste, sondern nur offenes Interesse", sagte Ursula Grünwald, Lehrerin an der Waldorfschule.
Wenn es mit der Handlung mal klemmte, nahmen die Stärkeren die Schwächeren einfach an die Hand und für kleine Textaussetzer gab es Sabine Brües. Ein kurzer hilfesuchender Blick aus Richtung Bühne reichte, und schon war die Souffleuse zur Stelle. Dabei behielt sie das komplette Stück hindurch einen kühlen Kopf, und am Ende glitzerten Tränen in ihren Augen. "So ein Stück einzuüben, kostet viel Zeit und Kraft, aber wenn man dann sieht, wie die Schüler über sich hinauswachsen, ist das eine Freude." Eine Freude war es für die Schulleiterin auch, dass die Aufführung mit dem 61. Todestag von Karl Schubert zusammenfiel. "Vielleicht ist er ja heute als Gast unter uns", sagte Brües.
Während des Nationalsozialismus durfte der Halbjude Karl Schubert nicht mehr auf der Uhlandhöhe lehren. Also unterrichtete er seine behinderten Schüler heimlich. Bis zum Tod war er als Lehrer und Vertreter der heilpädagogischen Bewegung tätig. Um die von ihm begonnene Arbeit fortzuführen, wurde 1950 der Karl-Schubert-Schulverein gegründet. An Schulen wie der Degerlocher wird sein Werk fortgeführt und "Bestätigung bekommen wir durch solche Klassenspiele. Sie zeigen uns: Die Kinder sind nicht geistig behindert, ihre Kräfte liegen nur im Verborgenen und müssen freigesetzt werden", sagte Brües.
Heute, 5. Februar, spielen die Schüler von 10.30 Uhr an im Festsaal der Karl-Schubert-Schule. Die Aufführung kostet keinen Eintritt.
05.02.2010 - aktualisiert: 05.02.2010 06:03 Uhr