Charmante Bürgerhäuser und prächtige Renaissancebauten in der Maximilianstraße Foto: Marketing Regio Augsburg
Augsburg hat die Göttin abgeschoben. Ins Industriegebiet. Gekrümmt und schamrot steht Aphrodite nun auf ihrem Sockel. Ein Verlagsgebäude im Nacken, blickt sie über Beton, Teer auf die Müllverbrennungsanlage in Sichtweite. Wer eines der wichtigsten Stücke moderner Kunst in Augsburg sehen will, muss in den Stadtteil Lechhausen fahren.
Dabei sollte die 500.000 Euro schwere Skulptur von Markus Lüpertz eigentlich im Zentrum stehen, genauer in der Maximilianstraße, in Augsburgs pulsierendem Herzstück, wo Konsum und Kunsthistorie leben. Aber die Augsburger wollten die Bronzefigur dort nicht haben. Die Göttin der Schönheit war ihnen zu hässlich, vielleicht zu modern. Es wurden Proteste organisiert, Unterschriften gesammelt. Am Ende war der hochdekorierte Künstler beleidigt, die örtliche Verlegerfamilie, die das Werk der Stadt schenken wollte, auch, und Aphrodite steht seither im Abseits. Augsburg und die Moderne, das ist so eine Sache. Dazu später mehr.
Augsburg und die Vergangenheit, das ist auch so eine Sache. Eine große sogar. Gerade die Maximilianstraße ist Abbild der einstigen Bedeutung der Stadt am Lech. Sie ist ein Laufsteg der Baustile, von der Gotik bis zum Neoklassizismus. Mit ihren eleganten Renaissancegebäuden – etwa dem Rathaus – ist sie wohl einer der kunsthistorisch interessantesten Verkehrswege im Süden Deutschlands. Dass den meisten bei Maximilianstraße eher eine hochpreisige Schickimicki-Flaniermeile in München einfällt, ist symptomatisch. Augsburgs Vergangenheit als wichtigster Finanzplatz Europas und blühendes Kulturzentrum ist außerhalb der Stadtgrenzen oft vergessen. Es steht zu Unrecht abseits des etwa 50 Kilometer entfernten München, dem städtetouristischen Platzhirsch im Freistaat. (Deshalb mag der schwäbische Augschburger das baierische Minga auch nicht so gerne). Dass die Bahn Augsburg vom ICE-Netz weitgehend abgehängt hat und der Flughafen ein Flop war, macht die Sache auch nicht besser. Wer aber in einem der vielen Maxstraßen-Cafés nicht nur Latte macchiato schlürft, sondern die Wohnhäuser der Bankiers- und Kaufmannsfamilien betrachtet, dem schwant, dass hier lange Zeit die Musik spielte. Und die erste Geige wiederum fiedelten ab dem 15.Jahrhundert die Fugger, Finanziers der Päpste, Kreditgeber des Hauses Habsburg. Welthandelnde, Bauherrn, Kunstmäzene, Wohltäter und Ahnen aller Bankster.
Deren unfassbare Reichtümer werden zum Beispiel im Damenhof sichtbar, dem Innenhof eines der Wohnhäuser der Familie. Jakob Fugger der Reiche war damit um 1512 der Erste, der sich nördlich der Alpen ein Eigenheim im Stil der Renaissance errichten ließ. Der Ort mit seinen bemalten Arkaden und einem Wasserbecken in der Mitte entführt noch heute direkt nach Italien – nicht nur weil dort im Sommer Olivenbäumchen in Terracottakübeln stehen. Damals wie heute ist Wohnraum entlang der Maxstraße exklusiv, vor allem wer im Fünf-Sterne-Hotel Drei Mohren nächtigen will.
Aber die Fugger können auch billig: In der Fuggerei, der ältesten bestehenden Sozialsiedlung der Welt, kostet die Jahreskaltmiete 88Cent. Das entspricht einem Rheinischen Gulden und damit exakt dem Obolus, den Jakob Fugger bereits 1521 von "unverschuldet verarmte Bürger" verlangte – plus "drei Gebet" für ihn und die Seinen. So einfach hoffte der Magnat – nachdem er als Bankier des Heiligen Vaters am Ablasshandel kräftig mitverdient hatte – das Himmelreich erwerben zu können. Derzeit beten rund 150 in den 67 kleinen gelben Häuschen für den Stifter. Einer der Fuggerei-Bewohner war übrigens Maurermeister Franz Mozart, Urgroßvater von Wolfgang Amadeus. Mozart ist einer der Abkömmlinge, auf die die Stadt stolz ist. Vater Leopold wurde 1719 im heutigen Mozarthaus geboren. Fünfmal reiste Wolfgang Amadé in die "vatterstadt meines papa", wo er mit dem "Bäsle" sein erstes Techtelmechtel hatte.
Ein anderer Stadtsohn ist der 1898 in Augsburg geborene Bertolt Brecht. Ein lange Verstoßener, muss man sagen. Auch mit diesem Stück 20. Jahrhundert hatte das konservativ-katholische Augsburg seine Probleme. Aber das gilt auch umgekehrt. Von Brecht soll der nicht belegte Satz stammen: "Das Schönste an Augsburg ist der D-Zug nach München."
Alles Vergangenheit. Vor vier Jahren startete die Stadt zu Ehren von B.B. das ABC-Festival (Augsburg-Brecht-Connected) und holte sich dafür einen ganz Modernen: Den Lyriker Albert Ostermaier. Der brachte mit einer Mischung aus Pop- und Hochkultur zwar allerhand kreatives Publikum in die 260.000-Einwohner-Stadt und beeindruckte sogar das nationale Feuilleton, das Augsburg gerne rechts liegen lässt. Vielen Einheimischen und Politikern aber war’s zu abseitig. Dieses Jahr geht ein neues Festival – unter der Leitung des Stuttgarters Joachim Lang – mit einem populäreren, aber nach wie vor hochwertigen Programm an den Start.
Eine gelungene Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart ist auch der Glaspalast. Er steht im Osten der Stadt, der bis in die 1970er von Spinnereien und Webereien geprägt wurde. Auch das ist Augsburger Vergangenheit: eine florierende Textilproduktion. Der Glaspalast, Spinnereihochbau aus dem Jahr 1910, ist eine filigrane Stahl-Glas-Konstruktion, die an eine große Klosteranlage erinnert. 2006 eröffnete darin das H2-Zentrum für Gegenwartskunst, eine feine Dependance der Pinakothek der Moderne in München.
Zum Schluss noch ein jüngstes Kasperletheaterstück aus der Puppenkistenstadt. Nach dem Aphroditeskandal wurde die Maxstraße nämlich Schauplatz des Dönerstreits: Den Anwohnern waren die Nachtschwärmer, die sich bei Arkadas, dem besten Dönerladen am Platze, morgens um vier noch versorgten, zu laut. Die Stadt erließ ein Verbot: Ab eins kein Döneressen auf der Straße mehr. Der Verwaltungsgerichtshof hat die Verordnung im Januar gekippt. Schade eigentlich, vielleicht hätte Aphrodite sonst bald Gesellschaft von einem Dönerladen bekommen.
Augsburg
Unterkunft
Übernachten in einem Haus mit mehr als 500 Jahren Tradition geht im Steigenberger Drei Mohren (Doppelzimmer ohne Frühstück ab 110 Euro). Telefon 0821/50360. www.augsburg.steigenberger.de
Auch zentral ist das Haus St. Ulrich (Doppelzimmer ab 94 Euro). Telefon 0821/3152-0. www.haus-st-ulrich.de Ein Portal zur Hotelsuche gibt es unter www.regio-augsburg.de
Anreise
Augsburg ist mit dem Zug, über die A8 oder die Flughäfen München und Memmingen erreichbar.
Termine
Das jährliche Brechtfestival findet noch bis zum 10. Februar statt. Geboten werden unter anderem Theater, Diskussionen, Musik und Film. Infos und Tickets unter Telefon 0821/3244900, www.brechtfestival.de
Das Friedensfest erinnert jedes Jahr von Ende Juli bis zum Friedenstag am 8. August an den Augsburger Religionsfrieden von 1555. Es bietet Religiöses und Weltliches wie Gottesdienste, Konzerte, Theater und Kinderprogramme. www2.augsburg.de Mozarts Werke, aber auch die zeitgenössischer Komponisten stehen beim Mozartfest vom 7. bis 16. Mai im Mittelpunkt. Tickets unter Telefon 0821/3244900. www.mozartstadt.de
Weitere Termine: Jazzsommer im Juli und August. www.augsburger-jazzsommer.de; das Lab30 im November ist etwas für Fans von Medienkunst und Elektro-Musik. www.lab30.de
Die Fugger
Wer sich auf die Geschichte und Hinterlassenschaften der Fugger konzentrieren will, findet in der Maximilianstraße die Fuggerhäuser, Kapellen und nicht weit davon die Fuggerei. Einen Überblick liefert www.fugger.de
Für Junge
In der Maximilianstraße reihen sich Cafés, Bars und Clubs aneinander. Sie ist eher etwas für den Mainstream-Geschmack. Etwas für Elektro-Freunde ist der Club Schwarzes Schaf in der Nähe des Theaters, www.schaf-klub.de. Indie und Live-Konzerten verschrieben hat sich die Kantine auf dem alten Kasernengelände. www.musikkantine.de