Die mir leider unbekannte Frau Dara Profeta aus Stuttgart hat mir (unter dem Betreff "Einsamer Reiter Joe") eine E-Mail geschickt. Knapp und freundlich rät sie mir, "die Elfen zu rufen": Ich wisse doch, "damals in Reykjavik hatten die Städtebauer keine Chance gegen die Elfen".
Nichts wusste ich. Ein einziges Mal nur war ich in Reykjavik gewesen, Anfang der Achtziger, als mich eine Billigreise nach New York über Mannheim (Zug) und Luxemburg (Bus) zu einer Zwischenlandung in Reykjavik zwang. Kaum angekommen, entdeckte ich eine Kneipe mit der verlockenden Offerte: "Dies ist die einzige Bar der Welt, wo Sie echtes Polarbier bekommen". Blitzartig setzte ich mich an die Theke, um bald festzustellen, dass auch das sechste und siebte wie das einzige Polarbier der Welt schmeckt. So gut, dass ich auch den sechsten oder siebten Aufruf nicht hörte, Mister Bauer, das Landei aus Stuttgart, möge ins Flugzeug steigen.
Irgendwann kamen mehrere Flughafenmänner, setzten mich in ein Auto und fuhren mich zur Rollbahn. Als ich im Flugzeug zu meinem Platz ging wie ein Mann, der es gewohnt ist, zur See zu fahren, begrüßten mich alle Passagiere mit großem Hallo. Seltsamerweise wollte keiner wissen, wie mir das einzige Polarbier der Welt geschmeckt hat. Vielmehr hieß man mich in allen Sprachen der Welt einen Vollidioten. Ich hätte Schuld, wenn wir New York zu spät erreichten. Damals reiste ich noch mit der Haltung, es sei wurscht, wann ein Mann in Amerika ankäme. Columbus, Buffalo Bill und andere einsame Reiter hatten das Meiste sowieso schon erledigt.
Seit gestern, als ich Post von Frau Profeta erhielt, bin ich mir sicher, dass es Elfen waren, die mich damals aus der Bar ins Flugzeug schleppten. Man sieht es Elfen nicht an, dass sie Elfen sind. Keiner weiß, ob sie Männer oder Frauen sind. Heterosexuell oder schwul. Kenner berichten, Elfen hätten blonde Haare, große Ohren und lange Beine. Doch mancher einsame Reiter landete auf der Suche nach blonden, langbeinigen Elfen bei einer Transe mit großen Ohren - und weiß es bis heute nicht.
Heute wüsste ich alles über Elfen, wäre ich damals nicht in der Bar von Reykjavík versackt. Nach diesem Vorfall konnte ich mich nicht mehr in Island blicken lassen.
Vermutlich ist auch Frau Profeta aus Stuttgart eine Elfe. Sicher hat sie mir nicht geschrieben, um etwas über meine Tresen-Blamagen zu erfahren. Eher wollte sie mir sagen, man würde unseren Bahnhof nicht zerstören, hätte man, wie in Reykjavik üblich, die Elfen befragt.
Bücher und Internet sind voll mit Geschichten über ein isländisches Medium namens Erla Stefánsdóttir. Der deutsche Aktionskünstler Wolfgang Müller hat die Klavierlehrerin 1995 in der "Frankfurter Rundschau" als "Elfenbeauftragte" vorgestellt und berühmt gemacht. Im Auftrag des isländischen Bauamts spürte Frau Stefánsdóttir heilige Orte auf, wo Elfen leben, und gab Ratschläge, ob man dort bauen dürfe oder besser die Finger davon ließe.
Ich habe den Stuttgarter Journalisten Bernhard Ubbenhorst angerufen. Er reist oft nach Reykjavik und hat mir gestern bestätigt, dass es dort Elfen gibt. Er sagt: Elfen sind unsichtbar, hinterlassen aber überall Spuren der Ordnung - am Boden, im Fels, am Tresen. Herr U. kennt sich aus. Erst neulich hat er mir berichtet, dass der Isländer aus Hygienegründen nie ein Taschentuch benützt. Er hält sich lieber mit dem Finger ein Nasenloch zu und rotzt sauber und gezielt ins Freie.
Bei uns kennt man dies nur von Fußballern und Bauern. In Island dagegen pflegen dies auch die Elfen zu tun. Leider befragt man bei uns nicht die Elfen, bevor man Baugruben gräbt. Man richtet sich lieber nach den Nasen von Oettinger & Schuster.