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Massive Attack

Helgoland ist abgebrannt

Grant "Daddy G" Marshall
Foto: dpa

Stuttgart - Songs von trostloser Schönheit versammeln Robert "3D" Del Naja und Grant "Daddy G" Marshall auf der Platte "Heligoland". Sieben Jahre mussten Fans auf ein neues Album von Massive Attack warten.

Das Warten hat sich gelohnt.

Ein hypnotischer Beat verwirrt einem zu Beginn dieses Albums die Sinne. Von schlagenden Herzen und Flügeln, von Wassertropfen, die auf Steine fallen, vom Blick durch die Flammen erzählt "Pray For Rain", für den sich Massive Attack als Sänger Tunde Adebimpe von TV On The Radio ausgeliehen haben. Trotz der mystischen Endzeitnummer, die nicht nur die Eröffnung des fünften Massive-Attack-Albums prägt, glaubt man sich auf sicherem Terrain. Die Kunst der Entschleunigung, der rhythmischen Verzerrung, der emotional aufgeladenen musikalischen Zeitlupen hat schon vor 20 Jahren die Musik von Massive Attack geprägt, als die Band aus Bristol ihre erste Single "Daydreaming" veröffentlichte.

Damals erfand man für deren neuen Musikstil den Namen Trip-Hop. Und obwohl die Songs von Robert Del Naja und Grant Marshall immer noch diese schlaftrunken-benebelte Ästhetik, diese düstere Erotik auszeichnet, die man mit dem Trip-Hop-Genre verbindet, erkundet Massive Attack inzwischen ein viel größeres Terrain als zu Beginn ihrer Karriere. Statt wie früher immer neue Soundschichten elektronisch übereinanderzustapeln, hat sich die Band diesmal um eine Beschränkung aufs Wesentliche bemüht, um eine Klarheit der Songinszenierungen, um eher natürlich-akustische Arrangements.

"Das Wort Trip-Hop habe ich noch nie wirklich leiden können", sagt Robert Del Naja im Interview und schwärmt von den 1980er Jahren - als der Begriff erst noch erfunden werden musste und Del Naja, Marshall und Tricky mit dem Soundsystem Wild Bunch durch die Clubs in Bristol zogen. "Spätestens mit dieser neuen Platte hat der Begriff hoffentlich ein für alle Mal ausgedient", sagt Del Naja.

Hatte der Soundtüftler 2003 das Massive-Attack-Album "100th Window" fast im Alleingang produziert, hat der 45-Jährige nun auch wieder im Studio mit Marshall gemeinsame Sache gemacht. "Beim Songwriting ging es sogar richtig demokratisch zu", behauptet er lachend, "allerdings nach dem US-Modell: Ihr habt die Freiheit, das zu tun, was ich euch sage." Massive Attack haben "Heligoland" teils in London, teils in Williamsburg aufgenommen, mal nähert sich die Band mit ihren Wiederholungsfiguren der Strenge von Minimal Music ("Psyche"), mal probiert sie traditionelle Popstrukturen aus ("Saturday Come Slow"). Am ehesten kommt noch die Single "Paradise Circus" dem nahe, was man sich unter Trip-Hop vorstellt. Passend zur knisternden Sexualität des Songs gibt es bereits ein Skandalvideo, das eher ein Dokumentarfilm ist: Szenen aus dem Hardcoreporno "The Devil In Miss Jones" aus dem Jahr 1973 werden einem aktuellen Interview der heute 73-jährigen Darstellerin Georgina Spelvin gegenübergestellt. "Die Idee dazu hatten aber nicht wir, sondern der Regisseur Toby Dye", sagt Del Naja.

Das Album, das nach der deutschen Nordseeinsel Helgoland benannt wurde, erkundet immer wieder berauschend schön abgründige Dramen, Untergangsszenarien, Eiszeitfantasien, Visionen von Entfernung und Verlangen. Und neben Tunde Adebimpe sorgen noch einige weitere Gäste für stimmungsvoll düstere Umsetzungen der Songs von Massive Attack. Damen Albarn singt das sanft verzweifelte "Saturday Come Slow", und Elbow-Frontmann Guy Garvey ist in "Flat of The Blade" zu hören, einem beseelt-unheimlichen Gebet, das um eine Drummaschine kreist und zum besten Song des Albums gerät.

Zudem ist Martina Topley-Bird zu Gast, die als Sängerin auf Trickys Debüt "Maxinquaye" im Jahr 1995 berühmt wurde. Und Del Naja kündigt in dem Zusammenhang sogar eine kleine Sensation an: Dass er nämlich wieder mit Tricky, mit dem er sich einst ziemlich verkracht hat, zusammenarbeiten will. Am liebsten schon auf der nächsten Platte - auf die Massive Attack einen diesmal aber hoffentlich nicht wieder sieben Jahre warten lässt.
 

Gunther Reinhardt

05.02.2010 - aktualisiert: 06.02.2010 16:44 Uhr

 



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