Stuttgart - Wer eine neue Stadtbahnlinie bauen will, rennt bei den Menschen normalerweise offene Türen ein, wenn die Stadtbahnen nicht gerade vor ihren Schlafzimmern vorbeirattern sollen. Im Stadtteil Dürrlewang ist das anders. Dort gibt es erhebliche Widerstände.
Verkehrte Welt in Dürrlewang? Seit zwei Monaten regen sich jedenfalls Proteste gegen den Bau der Stadtbahnlinie U12. Am heutigen Dienstag wollen die Lehrerin Gabriele Geiger und ihre Mitstreiter im Bezirksbeirat Vaihingen rund 500 Unterschriften übergeben: ein weiteres Plädoyer dafür, auf die Haltestelle zu verzichten.
Geiger, die nicht in der Galileistraße wohnt, zweifelt auch den Sinn der geplanten Stadtbahntrasse am Wallgraben an - und zielt damit auf einen wichtigen Bestandteil der Verkehrsplanungen von Stadt und Stuttgarter Straßenbahnen AG: die bessere Erschließung des Synergieparks Vaihingen/Möhringen. Das ist mit 20.000 Arbeitsplätzen Stuttgarts größtes Gewerbegebiet und hat einen Mangel an Parkplätzen. Weitere Stellplätze werden geopfert. Dafür sollen von Möhringen her die Bahnen mitten rein fahren.
Mit der S-Bahn-Station Rohr sei der 3600-Seelen-Stadtteil schon jetzt gut ans Netz angeschlossen - und zwar in Verbindung mit den Bussen der Linie 81, die durch Dürrlewang fahren und sowohl die S-Bahn-Station Rohr wie auch den Vaihinger Bahnhof ansteuern, meint Geiger. Das reiche für die weitaus meisten. Der Anschluss an die Stadtbahn sei kropfunnötig, besonders in Zeiten knapper Kassen auf allen Ebenen.
SSB will Genehmigungsverfahren vor OsternNicht zuletzt befürchtet Geiger ein Nadelöhr für Pkw und Lkw, wenn an der Ecke Herschelstraße/Galileistraße gegenüber der BW-Bankfiliale die neue Haltestelle entstünde. Wenn am Ende noch die 81er-Busse aus dem Stadtteil verschwinden würden und auch ältere Leute vom Dürrlewanger Osten zur Stadtbahn gehen müssten, wäre der Schaden durch das Projekt perfekt.
Ähnlich engagiert setzen sich auch die Befürworter aus dem Arbeitskreis U12 ein. Sie wollen Ende Dezember mit einer "repräsentativen Stichprobe" ermittelt haben, dass von 250 Dürrlewangern 62,4 Prozent für den Anschluss eintreten. Wie Dürrlewang wirklich tickt, wird man vielleicht nie erfahren. Denn die SSB hat die vom Bezirksbeirat gewünschte Befragung der Bürger verweigert. Technik-Bürgermeister Dirk Thürnau (SPD) hat das zu einer Grundsatzfrage der Demokratie erhoben: Wie üblich, sollten die gewählten Bürgervertreter im Rathaus diskutieren und entscheiden.
In einem Brief an Geiger schreibt Thürnau außerdem, die Galileistraße werde zwar künftig 4,50 Meter schmäler sein, aber kein Verkehrsexperte der Stadt befürchte Behinderungen. Es würden in Dürrlewang auch nur 45 Parkplätze entfallen, nicht 120. Außerdem müssten nur acht von 27 alten Blutbuchen für die Haltestelle gefällt werden. An anderer Stelle werde es Ausgleichspflanzungen geben - und durch Rasen auf dem Bahnkörper würden 10.000 Quadratmeter entsiegelt.
Ein Argument, das Geiger nur belächeln kann. In Thürnaus Brief findet sich aber auch ein Hinweis, der sie hellhörig macht: Ganz Dürrlewang werde künftig im 600-Meter-Einzugsradius der Stadtbahn-Endhaltestelle liegen. Von überall werde die Station direkt zu Fuß zu erreichen sein. An anderen Stellen in der Stadt reicht der SSB so etwas, um Forderungen nach Paralellverkehren und kürzeren Wegen zu Haltestellen abzuwiegeln. Hier, beteuert SSB-Chefplaner Volker Christiani, sei die Lage anders. Der 81er sei kein Parallelverkehr und solle "nicht direkt ausgedünnt werden". Wie bei anderen Linien werde man regelmäßig prüfen, wie stark die Busse genutzt werden. Korrekturen wären nicht ausgeschlossen.
Für Christiani ist sonnenklar, dass Dürrlewang ans Netz gehört. Denn die 400 Meter seien der anderen Neubaustrecke von 700 Metern mit geringem Aufwand anzufügen. Die Stadtbahnstrecke im Gewerbegebiet sei, was Nutzen und Kosten angehe, "extrem sinnvoll". Deswegen wird die SSB auch 75 Prozent von Bund und Land finanziert bekommen. Noch. Im Rathaus gibt es aber Befürchtungen, dass Bund und Land künftig als Geldgeber dafür ausfallen könnten. Insgesamt geht es um Kosten von 20 Millionen Euro - aber darin ist unter anderem der Bau von drei Kreisverkehren enthalten.
Im Fasanenhof, in Neugereut und in Stammheim sei die Stadtbahn bei den meisten sehr erwünscht gewesen, sagt Christiani. Dürrlewang gibt ihm Rätsel auf. Vielleicht liege es daran, dass manche dort zu lang ihre Mobilität mit dem Auto verbunden hätten und durch die Stadtbahn keinen Vorteil hätten. Jetzt hofft er, dass der Knoten platzt, wenn der Bürgerverein Vaihingen am 3. März um 19.30 Uhr im evangelischen Gemeindezentrum eine Gesprächsrunde moderiert.
Das Duell ist wohl die letzte Gelegenheit, die Sache in Dürrlewang auszudiskutieren. Die SSB will bis dahin verbesserte Pläne haben, zu denen der AK U12 den Anstoß gab. Warum die SSB-Planer nicht selbst drauf kamen, weiß Christiani auch nicht. Aber eines weiß er: Noch vor Ostern möchte er grünes Licht vom Gemeinderat für das Genehmigungsverfahren.