Artikel aus der Filder Zeitung vom 15.02.2010

 

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Dokumentation aus dem Sperrgebiet

Grenzgeschichten. Khalid Tatour, Palästinenser aus Waldenbuch, erzählt über den Westbank-Sperrwall. Von Natalie Kanter
 

Khalid Tatour ist kein Träumer. Doch wenn er sich etwas wünschen dürfte, dann wäre es ein Land, in dem Juden und Araber in Frieden leben könnten - ganz ohne Hass und ganz ohne eine mit Stacheldraht besetzte Mauer. Die Realität sieht anders aus. Seit vielen Jahren baut das israelische Militär den Westbank-Sperrwall. Die Israelis nennen ihn Sicherheitszaun. Sie sagen, die Zahl der Selbstmordattentate sei dank ihm gesunken. Die Palästinenser sprechen von einer Apartheidmauer. Khalid Tatour schließt sich dieser Meinung an. Er kritisiert den Landraub. "Es soll ein rein jüdischer Staat entstehen", sagt er. "Araber, wie ich, sollen dort nichts mehr zu suchen haben."



Der Palästinenser, der seit 25 Jahren in Waldenbuch lebt, ist in Nazareth geboren. Er reist relativ oft in seine Heimat. Die meisten seiner Verwandten leben in Reineh, wenige Kilometer von seiner Geburtsstadt entfernt. Einige haben ihre Arbeit verloren, weil sie Araber sind. Darunter ist auch eine Lehrerin. "Sie betreut jetzt Kinder zu Hause in einem Zimmer - in einer kleinen Privatschule sozusagen", sagt er. Eine Cousine und ihre Tochter sind vor Jahren nach Hebron gezogen. Tatour hat beide seit seiner Kindheit nicht mehr gesehen.



Der Waldenbucher empfindet die Lage seiner Landsleute als ungerecht. Der Mitbegründer des Arabischen Kulturclubs Stuttgart spricht mit Politikern, um auf die Situation im Nahen Osten aufmerksam zu machen. Während des Krieges in Gaza hat er eine Demonstration in Stuttgart mit rund 450 Menschen organisiert. "Das Verbrechen entsteht nicht allein in Israel", ist er überzeugt. Auch die Großmächte würden ihren Teil dazu beitragen. "Die Vereinten Nationen sind zu lasch. Sie tun nichts dagegen", sagt er.



2004 wollte er die Mauer mit eigenen Augen sehen und begab sich dadurch in Todesgefahr. "Das Militär erschießt jeden, der dort filmt oder fotografiert", sagt er. Der engagierte Mann drückte dennoch in einem Grenzort auf den Startknopf seiner Videokamera. Das Material zeigt er in Deutschland interessierten Journalisten. Er hält Vorträge über die Mauer.



Er filmte Häuser, die durch den Sperrwall in zwei Hälften getrennt wurden. "Eines dieser Häuser gehörte einem Palästinenser", erzählt er. Der Mann habe für den Bau seines Eigenheimes alles ausgegeben, was er besitzt. Nun können er und seine Familie nicht darin wohnen. Die israelische Armee habe das Haus besetzt. "Das ist Wahnsinn, das darf nicht sein", sagt er.



Als unglaublich bewertet er auch das Vorgehen des Militärs beim Bau der Barriere. Ganze Oliven- und Zitrushaine würden dafür gerodet und den Bauern dadurch ihre Existenzgrundlage genommen. "Die Menschen müssen ohnmächtig zuschauen. Sie haben keine andere Chance. Sie können sich nicht wehren", sagt er. Seine Aussagen unterstreicht er mit einem Film einer Friedensorganisation. Dieser zeigt: Das Militär schubst die Leute von ihrem Land und schießt in die Luft. "In der Presse oder im Fernsehen werden diese Bilder nicht gezeigt", bemängelt Tatour. Die Bundesregierung fordert er auf, die friedlichen Demonstrationen gegen den Mauerbau zu unterstützen und sich für verhaftete Protestler einzusetzen.



"Ich habe mich sehr gefreut, als die innerdeutsche Grenze gefallen war", sagt er. Grenzen ohne Stacheldraht und Mauern - das wünscht sich Tatour auch für die Juden und Araber in seiner Heimat.
 

15.02.2010 - aktualisiert: 15.02.2010 06:02 Uhr

 

 



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