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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 18.02.2010

Der Ghostwriter

Permanent liegt Unheil in der Luft

Von Beginn an ist es da, dieses Gefühl latenter Bedrohung, das nicht nur die Figuren erfasst, sondern auch die Zuschauer. Es gehört zu Roman Polanskis Markenzeichen, eine paranoide Atmosphäre aufzubauen und bis zum Schluss zu halten, das ist auch in seiner atemlosen Verfilmung von Robert Harris' Politthriller so, in dem der Autobiograf eines früheren britischen Premierministers Enthüllungen macht, die ihn in Lebensgefahr bringen.

Polanski hat an der deutschen See gedreht, dunkle Wolken und peitschender Regen hängen über dem abgelegenen Refugium des Politikers und sorgen für eine unterkühlte Grundstimmung. Die Kamera wird zum Voyeur, der die Figuren beobachtet, als erwarte er stets das Schlimmste, und die Musik von Alexandre Desplat liefert dafür die emotionalen Vertiefung. Ob bei einer Erkundungstour am Strand, in einer Bar oder in einem tristen Hotelzimmer direkt am Fährhafen: Auch wo letztlich nicht viel passiert, liegt Unheil in der Luft.

Ein großartiges Ensemble an Schauspielern erweckt diese Kulisse zum Leben. Jovial lächelnd gibt Pierce Brosnan ("Goldeneye") den Politiker, der wegen Ungereimtheiten im Zusammenhang mit einem Kriegseinsatz unter Druck steht, unverkennbar angelehnt an Tony Blair. Wie echt beschwört Brosnan vor den TV-Kameras mit sonorer Stimme Prinzipien, unbeobachtet aber schwankt er zwischen Desinteresse und einem Hang zu cholerischen Ausbrüchen, bei denen er durchaus mal ein Mobiltelefon auf dem Boden zerschmettert.

Ewan McGregor ("Star Wars") spielt den Autor, der als Ersatz für den eigentlichen Biografen angeheuert wird, den man eines Tages tot in der Brandung gefunden hat. McGregor verleiht ihm sehr passend die Aura eines überselbstbewussten, ein wenig zu vorlauten Schnösels mit trockenem Witz, der gar nicht anders kann, als seinen seltsamen Entdeckungen nachzugehen. Ihnen zur Seite stehen Olivia Williams als hysterische Politikergattin, die viel zu klug ist für ein Anhängsel und sich in Alkohol und Zynismus ergeht, Kim Catrall ("Sex And The City") als smarte Assistentin, die im adretten Kostüm gerne dirigiert und intrigiert, sowie Tom Wilkinson als dunkler Strippenzieher im Hintergrund, der ein großes Rätsel bleibt und durch nichts aus der Reserve zu locken ist.

Die politischen Fragen, die der Film berührt, sind sehr real und ausgesprochen brisant, und sie betreffen keineswegs nur Großbritannien, sondern lassen sich leicht auf Deutschland übertragen: Auch hierzulande wird nicht ehrlich mit der Beteiligung an Kriegseinsätzen unter Führung der USA umgegangen, auch hierzulande ist die Frage ungeklärt, ob die CIA Kriegsgefangene abseits internationaler Regeln gefoltert hat und wer davon wusste. Harris und Polanski spitzen sicher ein wenig zu, wenn sie den britischen Ex-Premier als Vasallen und Statthalter Washingtons darstellen; wer sich an Tony Blairs müde Rechtfertigungsversuche erinnert, dem wird das kein bisschen abwegig vorkommen.
 

Bernd Haasis

18.02.2010 - aktualisiert: 18.02.2010 09:56 Uhr

 


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