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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 18.02.2010

Die Friseuse

Das Glück soll kommen - so oder so

Die Existenzgründung ist gescheitert, der Ehemann hat eine Neue. Mit der Tochter liegt sie im Clinch, trotzdem bleibt sie hoffnungslos optimistisch: Was für ein Format hat Kathi König! Und das nicht nur innerlich. Im berlinisch gefärbtem Slang kämpft sich die übergewichtige Friseurin beim Fransenschneiden und Strähnchenlegen durch ihre Erinnerungen. Denn endlich hat sie sich ihren Traum erfüllt: Nach all den Pleiten, Pech und Pannen wieder in ihrem geliebten Beruf zu arbeiten.

Gabriele Maria Schmeide gibt der resoluten Mittvierzigerin Gesicht und mit Hilfe eines Fatsuits die unübersehbare Figur. Die Botschaft dieses Vollweibs mit vulkanischem Temperament ist eindeutig: Ich will mein Glück, koste es, was es wolle. In tabufreien, quälenden wie belustigenden Bildern zeigt Regisseurin Doris Dörrie die dicke Kathi, die sich allmorgendlich in der vollgestopften Plattenbauwohnung wie ein zu schwerer Sack mit einer am Fenster befestigten Strippe aus dem Bett hievt, sich in grelle Klamotten zwängt, mit schrillem Schmuck behängt und die unterkühlte Distanz ihrer Tochter mit Gleichmut erträgt.

Im ebenso trostlosen Einkaufscenter weist eine potenzielle Arbeitgeberin die arbeitsuchende Kollegin taktlos ab - sie sei "nicht ästhetisch". Und dann scheitert die mit Verve betriebene Existenzgründung an Geldmangel, behördlichen Vorschriften und der Diagnose multiple Sklerose.

Drehbuchautorin Laila Stieler schrieb das Skript dieser grundsympathischen Tragikomödie. Wie in "Wolke neun", einem durch Andreas Dresen verfilmten früheren Kinoerfolg, enthält sich das Duo Stieler/Dörrie falscher Rücksicht, zeigt stattdessen Alltagsbilder.

Unbekümmert beißt Kathi in ihre fetttriefende Fertigpizza, übersieht routiniert die Lästerblicke der Mitmenschen und walzt sich - notfalls mit kriminellen Mitteln - wie ein Bulldozer an ihre Träume ran. Der Film mit dem despektierlichen Titel bricht mit Wucht und Würde die noch immer nicht seltene Beleidigung: "Du bist doch bloß Friseuse."
 

Brigitte Jähnigen

18.02.2010 - aktualisiert: 18.02.2010 10:09 Uhr

 


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