Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 18.02.2010
In meinem Himmel
Wunsch nach Erlösung
Kindsmörder gehören zu der Art Verbrecher, die selbst eingefleischte Gegner der Todesstrafe in Versuchung bringen. Und Stanley Tucci spielt hier einen wie aus dem Bilderbuch der Albträume: George Harvey, ein geschmackfrei gekleideter Eigenbrötler mit Schnauzbart und lähmendem Blick, der höflich tut, dabei aber immer ein wenig brüsk wirkt, und der des Nachts Fallen aushebt und mit Spielzeug bestückt, in die er ahnungslose Mädchen lockt.
Als er sich an Susie Salmon vergreift, sind schwere Verwerfungen die Folge: Ihre Mutter wird vor Trauer regelrecht lebensunfähig, was Rachel Weisz in fahriger Hysterie ausdrückt, und der Vater steigert sich in die Suche nach dem Mörder hinein, wobei Mark Wahlberg stark auf physische Präsenz setzt. Nur die mondän gestylte Oma, die den Laden zusammenhalten soll, behält die Nerven, indem sie permanent säuft und raucht, was Susan Sarandon gut steht. Die Familie kommt ebenso wenig zur Ruhe wie der Täter, und das hat seinen Grund: Susies Seele bäumt sich auf gegen den Tod und verharrt in einem Zwischenreich dunkler Träume.
Peter Jackson ("Der Herr der Ringe") versteht sich auf fantastische Bildwelten, und auch hier ist ihm manch atemberaubende Einstellung geglückt. Nach einiger Zeit allerdings nützt sich der Effekt ab, und es stellt sich sogar Kitschverdacht ein: Wenn der deplatzierte Pavillon zum dritten Mal auftaucht, in dem Susie Zuflucht sucht, wünscht man ihr nur noch Erlösung, und bis unter die Lebenden endlich wieder Bewegung kommt, vergehen viele Szenen voll trostloser Quälerei.
Die Botschaft ist klar und gut erfasst: Beide, Lebende wie Tote, müssen voneinander lassen, um in ihren jeweiligen Sphären wieder frei sein zu können. Das allein aber trägt nicht über die lange Spielzeit, dafür ist die Handlung zu schmal. Tucci hätte den Oscar als bester Nebendarsteller trotzdem verdient - wäre nicht auch Christoph Waltz nominiert, der dann doch überzeugender war.
Bernd Haasis
18.02.2010 - aktualisiert: 18.02.2010 10:16 Uhr