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Offen für Neues

"Ein Bett in einem großen Raum reicht nicht"

Foto: BHW Bausparkasse

Ehemalige Fabriken sind als Lofts gefragte Wohnräume
 

Stuttgart - Altbauten sind in: Im Stuttgarter Westen gehen großräumige Etagenwohnungen in stattlichen Gründerzeithäusern weg wie warme Semmeln, als Kaufobjekt oder zur Miete. Auf der Suche nach einem Domizil mit dem gewissen Flair beschränken sich Interessenten schon lange nicht mehr auf Altbauten.

Individualisten haben auch in die Jahre gekommene Fabrik- und Werkstattgebäude in ihren Fokus genommen, um sie in großräumige Loftwohnungen umzuwandeln. "Speicher", wie Loft aus dem Englischen übersetzt heißt, haben sich als Nischenmarkt im Immobiliengeschäft etabliert. Nicht nur in Berlin oder Leipzig sind Wohnobjekte in alten Gewerbemauern en vogue, auch in Stuttgart zieht es immer mehr Menschen in die ehemalige Fabrik. Wenige Wände, hohe Räume und eine große Grundfläche von oftmals über 250 Quadratmetern - diesen atmosphärischen Dreiklang suchen und finden individuelle Wohnliebhaber im klassischen Loft.

Nicht nur Investoren und Projektentwickler sind auf den Zug aufgesprungen und möbeln aufgegebene Produktionshallen und Lagerstätten technisch und energetisch zeitgemäß auf. In Stuttgart erschließt sich auch die kommunale Wohnungs- und Städtebaugesellschaft SWSG mit dem Ausbau ehemaliger Gewerbeobjekte ein neues Geschäftsfeld. Durch seinen Träger sah sich das Unternehmen bislang eher dem sozialen Wohnungsbau verpflichtet. Jetzt engagiert es sich im Stuttgarter Stadtteil Heslach bei der Umwandlung des Stammsitzes der ehemaligen Gaszähler- und Anlagenfabrik Lutz & Gimple. "Das Gebäude in der Adlerstraße ist unser erstes Loft-Projekt", bestätigt SWSG-Sprecherin Stephanie Ahr. Da die Kernkompetenz der SWSG im Modernisieren von Bestandsgebäuden liege, kenne man sich auch in diesem Segment bestens aus. Das Projekt sei eine wirtschaftliche Alternative zu Abriss und Neubau. "Indem wir das ehemalige Fabrikgebäude einer alternativen Nutzung zuführen, leisten wir zudem einen Beitrag zur Stadtreparatur", unterstreicht Ahr.

Im Innern schlägt das Herz von Loft-Fans

Die Fabrikimmobilie von Lutz & Gimple, im Jahr 1902 vom Stuttgarter Architekten Karl Hengerer errichtet, gilt als eines der frühesten Stuttgarter Gebäude mit Stahlbetondecke. "Es besticht durch seine regelmäßige Fassadengliederung, eine abgerundete Gebäudeecke mit abgerundetem Erker sowie durch die auffälligen, gedrungenen Spitzbogenfenster", beschreibt Mark Phillips, Sprecher der Fünf Kammerbezirke der Architektenkammer Stuttgart, die stilistischen Besonderheiten. Im Innern fehlen Säulen weitgehend, was Loft-Fans das Herz höherschlagen lässt. "Diese Struktur ermöglicht individuelle Lofts von 150 bis über 300 Quadratmeter Fläche", erläutert Phillips. Offene, fließende Räume ließen sich darin ebenso verwirklichen wie großzügige Wohnungen mit mehreren Zimmern. Auch eine Kombination aus Wohnen und Arbeiten sei denkbar. Beim idealen Loft-Projekt ist alles möglich, einen vorgegebenen Loft-Look gibt es nicht. Von der elitären, stilistisch perfekten Einrichtung bis zur ganz individuellen Innenraumgestaltung reichen die Einrichtungsideen. "Es entsteht ein Lebensraum, der einen Bezug zur Stadt, zu ihrer Geschichte und vor allem zur Persönlichkeit des künftigen Bewohners hat", schwärmt Phillips. Für Architekten und Projektentwickler ist die Umwandlung von Industrie- und Gewerbeobjekten allemal eine Herausforderung. "Wer heute ein Loft auf den Markt bringt, kann nicht nur einfach ein Bett in einen großen Raum stellen", betont Phillips. Wie sieht die Substanz aus, lautet eine der Fragen, auf die Fachleute intelligente Lösungen als Antwort finden müssen. Dazu gehört zunächst, sich über mögliche Altlasten Gedanken zu machen. Was wurde früher produziert, welche Materialien wurden verbaut? Meist verfehlen die alten Gewerbebauten auch weit die Anforderungen der aktuellen Energieeinsparverordnung.

Denkmalschutz oft ein Hemmnis

Oft verbietet der Denkmalschutz jedoch technische Eingriffe, immer sollte die Atmosphäre des Gebäudes trotz Modernisierung erhalten bleiben. "Auf eine schöne Backsteinfassade passt keine Außendämmung", erwähnt Phillips, meist müsse dann innen aufwendig gedämmt werden. Häufig müssen alle Fenster ausgewechselt werden, um thermische Schlupflöcher zu schließen. Als besonderes Problem stellt sich meist der Schallschutz heraus. Wo früher Druckmaschinen ratterten, dachte niemand an geräuschdämmende Böden und Decken. Auch müssten Installationen so verlegt werden, dass künftige Bewohner Küche und Sanitärbereiche individuell anordnen können. Die Nachfrage nach zentrumsnahen Lofts stößt in Stuttgart jedoch an Grenzen. "So viele Gebäude finden wir in der Innenstadt nicht mehr", erwähnt Mark Phillips. Im Talkessel haben sich schließlich keine größeren Gewerbegebiete entwickelt.

Eher fündig werden Interessenten noch in den Neckarvororten. Als klassische Zielgruppe, die sich das Wohnen im Loft leisten will, galten bislang Doppelverdiener ohne Kinder. "Die Nachfrage hat sich verändert, andere Gesellschaftsgruppen klopfen an", meint Phillips.

Mittlerweile interessierten sich auch Familien für ein großräumiges Ambiente. Freiberufler schätzten das großzügige Raumangebot, um Arbeiten und Wohnen auf einer Etage zu realisieren. Zur ersten Adresse werde ein Loft auch für die Generation, die es vom selbst gebauten Einfamilienhaus im Grünen zurück in die Stadt zieht. "Dank vorhandenem Fahrstuhlschacht lässt sich das Adler-Loft mit Personenaufzug barrierefrei gestalten", erwähnt Architekt Phillips. Auch wenn sich die Kaufpreise auf gehobenem Niveau bewegen, erwartet die SWSG, die Adler-Lofts gut zu vermarkten. "Die interessante Kombination aus Loft, Wohnen und Denkmalschutz trifft den Nerv der Zeit", so SWSG-Sprecherin Ahr.
 

StZ/StN

26.02.2010 - aktualisiert: 26.02.2010 14:20 Uhr

 



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