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Kriminächte

Eine Operationslampe für den Büchertisch

Foto: dpa

Lesungen an ungewöhnlichen Orten: Die ersten Stuttgarter Kriminächte in der Pathologie sowie im Krematorium
 

Stuttgart - Die ersten Stuttgarter Kriminächte sind ein äußerst erfolgreicher Versuch, vertraute Lesungsformate mit vertrauten Autoren an ungewöhnlichen Orten zu präsentieren. Am Donnerstagabend waren dies unter anderem eben die Pathologie sowie das Krematorium im Pragfriedhof.

Ungewöhnliche Veranstaltungsorte ergeben ungewöhnliche Lösungen. Im Vorraum der Pathologie beleuchtet eine Operationslampe den Büchertisch, dann geht es in einen sehr nüchtern gestalteten Vortragssaal. Damit der nicht allzu steril wirkt, ist das Katheder einer Couch, einem Sessel und einer Stehlampe gewichen, die 50er-Jahre-Charme vermitteln. Eine Vitrine mit Totenschädeln und eingelegten Körperteilen unterstreicht die Funktion dieses Orts. Der Autor des Abends ist Heinrich Steinfest, erster Preisträger des Stuttgarter Krimipreises. Der etwas andere Moderator dieses Abends ist Alexander Bosse, Leiter der Pathologie. Und dieser bekennt sich schnell als einer, der sich trotz seiner norddeutschen Herkunft in Stuttgart gut eingelebt hat. Das interessiert ihn auch an Steinfest, der in Australien geboren und in Wien aufgewachsen ist und seit zwölf Jahren in Stuttgart lebt.

Doch dieser will sich auf die üblichen Schwaben-Klischees nicht einlassen, auch wenn Bosse einige aus seinen bisher erschienenen Büchern zitiert. "Wenn ich aus dem Bahnhof rausgehe und als erstes Weinberge sehe, das hat doch was für einen Österreicher", bemerkt er. Oder: "Wien ist eine einzige große Bühne. Wenn dort einer über die Straße geht, dann so, als spielt er jemand, der über die Straße geht. In Stuttgart gehen die Leute wirklich über die Straße." Und als Leseüberraschung stellt Steinfest seinen neuen Krimi "Batmans Schönheit" vor, der im Herbst dieses Jahres erscheinen wird. In diesem vierten Fall des Wiener Privatdetektivs Markus Cheng kommen eine Reihe von Schauspielern um. Da gibt es durchaus kühne Vergleiche. Den blutverspritzten weißen Bademantels eines Ermordeten beschreibt er etwa mit "betrunken wie eine österreichische Bundesflagge". Insbesondere von der Beschreibung der Schusswunden ist der Pathologieprofessor in seinem abschließenden Resümee ganz hingerissen.

Um zu Wolfgang Schorlau zu gelangen, tappt man erst mal im Dunklen. Zumindest wenn man das Krematorium vom Haupteingang aus erreichen will. Es dauert, bis sich das Auge, gewöhnt an das Stadtbahnlicht, an den nächtlichen Friedhofsgang gewöhnt hat und die wenigen Grableuchten wahrnimmt. Im Krematorium, auch das mit seinen 200 Plätzen restlos ausverkauft, geht es ungewöhnlich laut zu. Der Anlass ist ja auch keine Beerdigung, sondern die Lesung von Wolfgang Schorlau und seinem neuen Buch "Das München-Komplott". Zuvor allerdings gelingt Peter Hoepfner, Leiter des Krematoriums, bei der Beschreibung dieses Orts ein gewagter Spagat zwischen launigen Formulierungen und der Wahrung der Würde dieses Orts. Schorlau selbst ist ein begnadeter Alleinunterhalter. Er benötigt keinen Moderator, um den neuen Fall seines Privatermittlers Georg Dengler, das Oktoberfest-Attentat im Jahre 1980, vorzustellen.

Wie in dem Buch sei auch er von ominösen anonymen Herren mittels Akten darauf hingewiesen worden, dass bei den offiziellen Ermittlungsergebnissen etwas nicht stimmen könne. Das ist der Anfang einer großen Verschwörungstheorie, die ohne Untote oder andere Geisterwesen auskommt, wie man beim nächtlichen Rückweg durch den Friedhof erleichtert feststellt.
 

Armin Friedl

05.03.2010 - aktualisiert: 05.03.2010 16:31 Uhr

 



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