Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 11.03.2010
Agora - Die Säulen des Himmels
Terrorregime der Ignoranz
In Hollywood sind 50 Millionen Euro ein Standardbudget, für europäische Verhältnisse ein seltener Luxus. Der spanische Regisseur Alejandro Amenábar ("Open Your Eyes", "Das Meer in mir") hat seine Chance genutzt und damit ein bildgewaltiges, intelligentes Historienspektakel inszeniert.
An der legendären Bibliothek von Alexandria lehrt im Jahr 391 n. Chr. die ebenso kluge wie selbstbewusste Hypatia Astronomie und Mathematik. Bei den Studenten beliebt, beobachtet sie manch mächtiger Mann mit Argwohn - denn lange vor Kopernikus, Galileo und Kepler entwirft sie ein realitätsnahes, für die damalige Zeit revolutionäres Bild unseres Sonnensystems. Die anmutige Rachel Weisz ("Der ewige Gärtner") gibt der Wissenschaftlerin beides: die Aura großer Intelligenz, auf der sich Selbstbewusstsein gründen kann, zugleich aber das Wissen um ihre Verletzlichkeit als einzige Frau in einer Männerdomäne. Der adlige Student Orestes (Oscar Isaac) und ihr Lieblingssklave Davus (Max Minghella) fordern ihr Enthaltsamkeitsgelübde heraus, das sie abgelegt hat, weil verheirateten Frauen eine Karriere versagt bleibt.
Dann bricht eine Zeitenwende über das schwächelnde römische Restreich herein: Die Christen reißen die Macht an sich, drehen nach Jahrhunderten der Diskriminierung und Drangsalierung den Spieß um und errichten ein reaktionäres, bildungsfeindliches Terrorregime der Ignoranz. Einem Edikt des frommen Kaisers Theodosius folgend, zerstören sie alle heidnischen Symbole, stürmen die Bibliothek, vernichten Schriften und bedrohen Hypatias Forschungen.
Amenábar zielt auf den größeren Zusammenhang und formt aus der speziellen historischen Situation eine allgemeingültige Parabel auf revolutionäre Umbrüche und wie sie aus dem Ruder laufen können. Er lässt den entfesselten Mob in den Straßen kochen, während ein dumpfer christlicher Schlägertrupp dafür sorgt, dass es in der Stadt nur noch eine Religion gibt. Unweigerlich sieht man die skrupellosen Kastilier nach der Rückeroberung Spaniens vor sich, die brutalen Jakobiner Robespierres nach der Französischen Revolution, die Nazi-Mörderbanden von SA und SS. Und natürlich werden, ganz typisch, aus Alexandria nicht nur die unbekehrbaren Heiden vertrieben, sondern die Juden gleich mit.
Amenábar hat die historische Stadt als seltsam mystischen Ort wieder aufgebaut, und seine Kamera bringt den schreienden Mob, den Kuppelbau der Bibliothek und die Gebäude rund um die Agora, den Marktplatz, mit monumentaler Macht auf die Leinwand. Mitunter aber auch aus der Vogelperspektive: Immer wieder entzieht sich der Blick dem wüsten menschlichen Treiben ganz, schwebt in kosmische Weiten und setzt das banale Geschehen am Erdboden ins Verhältnis. Eine Lehrstunde.
Bernd Haasis
11.03.2010 - aktualisiert: 11.03.2010 10:22 Uhr