Artikel aus Strohgäu Extra vom 22.03.2010

 

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"Das funktioniert nur im Zusammenspiel"

Ludwigsburg Die Verwaltung will, dass Einkaufen in der Stadt attraktiv ist-oft mit Erfolg. Manchmal ist sie machtlos. Von Verena Mayer
 

Ganz freiwillig hat Luitgard Reiter den Neubeginn nicht gewagt. Sie wäre gern in ihrem Laden in der Asperger Straße geblieben. Hätte sie mit ihrer Boutique umziehen wollen, hätte sie es vor vier Jahren getan, bevor die Bauarbeiten in der Wilhelmgalerie und in der Fußgängerzone begannen. Aber Luitgard Reiter blieb, organisierte mit ihren Nachbarn Veranstaltungen, um die Kunden trotz Staub und Lärm in die Asperger Straße zu locken und freute sich auf die Zeit danach. Doch nun verkauft die 57 Jahre alte Geschäftsfrau ihre Mode in der Wilhelmstraße. Der frühere Vermieter hatte mehr Miete verlangt. "Diese Forderung konnten wir nicht akzeptieren", sagt Luitgard Reiter. "Wir sind sehr glücklich", kann die Geschäftsfrau nach dem Umzug nun wieder sagen.



Wenn die Asperger Straße Nummer 6 im Eigentum der Stadt Ludwigsburg wäre, wäre die Geschäftsfrau sicher noch dort glücklich. Wenn der Stadt alle Immobilien gehörten, dann gäbe es in Ludwigsburg keine Billigbäcker, keine Ein-Euro-Shops und auch keine Handyläden in Hülle und Fülle. Doch die Stadt muss andere Möglichkeiten nutzen, um sich schön zu machen. Aktionen wie das gestrige Märzklopfen etwa, zu dem wieder tausende Menschen in die Innenstadt gepilgert sind; oder eine kostenlose Kinderbetreuung für einkaufende Eltern; eine zeitgemäße Fußgängerzone: oder einen Innenstadtverein wie den hiesigen Luis, zu dessen Vorstand auch der Wirtschaftsförderer gehört.



Zu dessen vornehmsten Aufgaben gehört es denn auch, den Kontakt zu Vermietern zu finden, um für frei werdende Läden solche Lösungen zu finden, die auch für die Innenstadt gut sind. "Das funktioniert nur im Zusammenspiel", sagt Frank Steinert, der aber nicht immer erreicht, dass ein Vermieter für ein attraktives Geschäft auf mehr Miete verzichtet. Gewerbliche Eigentümer wollen Rendite, private brauchen ihre Altersvorsorge. Bei der Suche nach einem Mieter für den ehemaligen Quelle-Laden in der Asperger Straße lief es aber so, dass Steinert zufrieden ist: Dort zieht eine Filiale des Modehauses "Gerry Weber" ein.



Im Untergeschoss der Kirchstraße 11 sitzt Karlheinz Wagner und sagt, dass auch er eine schöne Stadt will. Aber dass er deshalb die unschönen Folgen tragen müsse, findet der Inhaber des "Underground" nicht gut. Seit die Stadt Anfang des Jahres die Kundenstopper verboten hat, hat Wagner eine Möglichkeit weniger, die Kunden auf sein Angebot aufmerksam zu machen. Als er seine T-Shirts, Piercings oder Duftöle noch auf einer Tafel vor dem Haus bewerben durfte, hätte auch Laufkundschaft den verwinkelten Weg in den Untergrund ohne Schaufenster gefunden. Nun aber riefen manchmal sogar Kunden an, wenn sie bereits vor dem Haus in der Kirchstraße stehen und fragen, wo denn Wagners Laden sei, berichtet der Inhaber - der das Verbot für eine "aberwitzige Idee" hält.



Der Vorteil dieser so genannten Sondernutzungssatzung: Die Innenstadt sieht aufgeräumter aus und auf die Passanten kann das Stadtbild wirken. Gerhard Beck bewertet das Ende des Wildwuchses auf den Gehwegen deshalb positiv und meint anerkennend: "So etwas tut sich nicht jede Stadtverwaltung an." Beck ist Prokurist der hiesigen Gesellschaft für Markt- und Absatzforschung (GMA) und schon lange zu dem Ergebnis gekommen, dass die Stadt "überdurchschnittlich" aktiv ist. Angesichts der Konkurrenz in Stuttgart und dem Breuningerland im Tammerfeld bleibe Ludwigsburg auch nicht viel anderes übrig. Und seit Karstadt das Marstallcenter definitiv verlassen hat, hat die Stadt einen weiteren Grund zu wirbeln. Diese Immobilie gehört übrigens drei Fondsgesellschaften.



In der Kirchstraße Nummer 30, unmittelbar vor dem Marstallcenter, werden seit neuestem Jeans, Jacken und Pullover verschleudert. Der Inhaber, der in Stuttgart eine reguläre Boutique führt und seinen Namen deshalb nicht in der Zeitung lesen möchte, hat sich hier für acht Wochen eingemietet, um Restposten zu Sonderpreisen verkaufen. Mitte April endet sein kurzer Vertrag mit der Sondermiete. Danach steht der Laden wohl wieder leer. Der Gastverkäufer wird trotzdem nicht länger bleiben. "Es könnte besser laufen", bilanziert er zur Halbzeit. Dieser Teil der Kirchstraße sei, sieht man vom Trubel gestern ab, nicht sonderlich gut frequentiert. Der vorherige Mieter, Tchibo, ist in den oberen Teil der Kirchstraße gezogen.



Rein rechnerisch muss sich die Stadt wegen ihrer Leerstände keine Sorgen machen. Von den 350 Geschäften, die in der Innenstadt eine Verkaufsfläche von 62 200 Quadratmetern bieten, sind nach den Angaben des Wirtschaftsförderers Frank Steinert weniger als fünf Prozent nicht belegt. Laut der GMA ist dies ein normaler Wert. Problematisch sei ein Leerstand ab zehn Prozent. Doch das marode Marstallcenter droht die gesamte Untere Stadt in ein Loch zu ziehen. "Das hat oberste Priorität", sagt der Wirtschaftsförderer, dessen Chef, der OB Werner Spec, sich des Themas höchstpersönlich angenommen hat.



Steinerts Kollegen suchen derweil eine werbewirksame und dennoch dezente Lösung für Karlheinz Wagner und seine Leidensgenossen. Und die Asperger Straße 6 ist inzwischen auch wieder vermietet. Dort zieht kein Billigfilialist ein, sondern das Outdoor-Geschäft "Jack Wolfskin".


 

22.03.2010 - aktualisiert: 22.03.2010 06:02 Uhr

 

 



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