Artikel aus Strohgäu Extra vom 22.03.2010
Leonberg Premiere im Stadtmuseum: Interessierte Leonberger helfen fleißig mit, historische Fotografien einzuordnen. Von Martina Zick
Unversehens findet man sich im Leonberg vergangener Tage wieder, geht zwischen alten Fachwerkhäusern den Eltinger Fußweg durchs "Loch" entlang, blickt auf einen völlig verwilderten Pomeranzengarten, freut sich an Gärten mitten in der Stadt, sieht Felder, wo heute allein Beton das Sagen hat. Man erfährt, dass es ein Mädchen-Fürsorgeheim gab oder dass man sich vom "Krankenhausbächle" berichtete, dass dort mit dem Wasser aus der Klinik auch die Blinddärme entlangplätscherten.
Denn kaum hat Gramm das erste Bild auf die Leinwand projiziert, wird schon gemeinsam überlegt: Welches Gebäude am Rande der Altstadt ist der ehemalige Bär, welches die altdeutsche Bierstube (heute Deutsche Bank)? Allerdings richtet sich das Interesse der Archivarin bei diesem Bild mehr auf das Gebiet "unter der Stadt" und auf die Datierung des Fotos. Denn die Aufnahme zeigt auch die Bahnhofstraße mit der Gärtnerei Dilger - aus deren Besitz das Foto stammt - und in der oberen Bildhälfte Felder und Wiesen. Heute ist dort alles zugebaut: Es ist das Gebiet zwischen Lindenstraße und Römergalerie.
"Welche Straßen sind da am oberen Bildrand?", will Gramm wissen. Auch über die Gebäude neben der Gärtnerei Dilger hätte sie gerne mehr Informationen; und wird nicht enttäuscht. Was wie ein Feldweg aussieht, ist die Römerstraße, von der die Stohrerstraße abzweigt. Und die Gebäude werden von den versierten Leonberg-Kennern auch flugs einsortiert - noch heute bekannte Leonberger Namen tauchen dabei auf. Ein Gebäude war das des Steinmetzen Mörk, das andere gehörte dem Glaser, dann gab es noch die Gärtnerei Röckle, und das quadratische gegenüber dem damaligen Krankenhaus "war das Gesundheitsamt", ruft eine Frau. Anhand bestehender beziehungsweise noch nicht bestehender Gebäude lässt sich auch herausfinden, dass das Foto 1931/32 entstanden sein muss. Denn die alte Post an der Bahnhofstraße stand schon, sie wurde 1930/31 gebaut. Vom Rohbau der Bausparkasse, die 1934 dort eröffnet wurde, wo heute Häussler sein Einkaufszentrum plant, ist hingegen noch nichts zu sehen.
So geht es munter weiter. In erster Linie interessieren sich Gramm und Koch-Konz für das Gebiet rund um das einstige Bausparkassen-Areal. Dabei zeigt sich unter anderem, dass ein Thema, das heute noch oder wieder diskutiert wird, schon 1927 eines war: der freie Blick auf die Altstadtkulisse. Was der Investor Häussler bei der Bebauung des einstigen Bausparkassen-Geländes wenigstens zum Teil gewährleisten soll, war schon vor knapp hundert Jahren eine Vorgabe. Doch dann baute die Bausparkasse, und baute, und baute. Bis 1964 das Nordhochhaus den Blick auf die Altstadt versperrte. "Was will man machen, wenn so eine Firma erweitert", sagt Gramm.
22.03.2010 - aktualisiert: 22.03.2010 06:03 Uhr
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