Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 25.03.2010
Precious - Das Leben ist kostbar
Das Dasein als Endlosschleife
Der Ablauf ist immer derselbe. Essen, fernsehen, schlafen, essen. Dazwischen Schläge. Vergewaltigungen. Verbale Misshandlungen. Clareece "Precious" Jones ist nicht einfach nur dick, sondern wirklich fett. Die Backen sind prall, die Schenkel reiben aneinander. Sie träumt davon, eine andere zu sein. Eine schlanke, weiße Fraue. Eine mit blonden Haaren, die sich gerne im Spiegel betrachtet. Sie träumt vom Leben als Filmstar, von roten Teppichen und glitzernden Abendroben. Und manchmal, da wäre sie gerne einfach nur unsichtbar.
In ihrer Fantasie kann Precious ausbrechen aus dem wahren Leben. Aus der düsteren Sozialwohnung im Harlem der 1980er Jahre. Sie flüchtet sich in eine Traumwelt. Weg von der Gewalt, den Schikanen und Demütigungen. Diese Momente im Film wirken aber nie kitschig, sondern heben sich ab von den kühl fotografierten Tristesse-Bildern des New Yorker Ghettos.
Es gibt viele sehr schlimme Szenen in dem Film von Lee Daniels. Die Kamera geht ganz nah ran, an die dicken Backen von Precious, und zeigt, wie sie frittierte Schweinsfüße in sich hineinstopfen muss. Die tyrannische Mutter Mary (die Komödiantin Mo'Nique ist für die hervorragende Darstellung mit einem Oscar für die beste Nebenrolle bedacht worden) befiehlt es ihr. Precious wird von ihrem Vater und von ihrer Mutter missbraucht, wird schwanger. Precious bekommt ein behindertes Kind und den HIVirus. Die Mutter will sie lieber beim Sozialamt als in der Schule sehen. Jeder Weg heraus aus diesem Elend soll auch der Tochter verwehrt bleiben.
Jetzt ist Precious wieder schwanger. Von ihrem Vater. Sie fliegt von der Schule - und findet Platz in einer Einrichtung für besonders schwierige Fälle. Ihr Fett am Körper ist der Panzer gegen die alltäglichen Grausamkeiten. Nichts wird hier beschönigt, alles in seiner hässlichen Gänze dargestellt. Das Gute daran: Regisseur Daniels schafft es, Voyeurismus und erhobenen Zeigefinger außen vor zu lassen.
Der Film basiert auf dem Roman "Push" der New Yorker Schriftstellerin Sapphire, der Autor Geoffrey Fletcher bekam den Oscar für die beste Drehbuch-Adaption. Und man hätte auch der Schauspieldebütantin Gabourey Sidibe für ihre mutige, großartige Leistung eine Auszeichnung gegönnt. Sie hat hier ihren berührend-überzeugenden Auftritt. Und lässt ganz vergessen, dass die Sozialarbeiterin Ms. Weiss von einer so noch nie gesehenen Mariah Carey gespielt wird.
Der Film lässt bei seiner Tiefe all die Namen vergessen. Tapfer stapft Precious durch ihr Leben. Einmal sagt sie sich nach einem schlimmen Tag, an dem sie sich am liebsten umbringen würde: "Dann macht Gott oder wer auch immer neue Tage." Und vielleicht auch einen, an dem Precious nicht mehr unsichtbar sein will.
Anja Wasserbäch
25.03.2010 - aktualisiert: 25.03.2010 10:51 Uhr