Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 06.04.2010
Eine zauberhafte Nanny - Knall auf Fall in ein neues Abenteuer
Es lebe die kindliche Anarchie
Kluge Märchen sind zeitlos, erzählen von menschlichen Werten jenseits aller Moden. Emma Thompson hat noch ein solches Märchen geschrieben, und während Fortsetzungen sonst oft nur ein müder Aufguss sind, scheint sie an der Vorerfahrung gereift zu sein. Schon das Motto ist genial: Wenn ihre hexenhafte Kinderfrau Nanny McPhee nicht erwünscht ist, aber gebraucht wird, muss sie bleiben; wenn sie erwünscht ist, aber nicht gebraucht wird, muss sie gehen.
Diesmal kommt sie nicht im 19. Jahrhundert zum Einsatz, sondern zur Zeit des Zweiten Weltkriegs, die in einer detailverliebten Kulisse stark stilisiert und überzeichnet ist, wie es sich für Märchen gehört. Der Bauernhof der Familie Green ist matschiger, als man es sich hätte ausmalen können, das Gras drum herum viel grüner, und spätestens beim Anblick des puppenstubigen Innern wird klar, dass über diesem charmanten Film allgegenwärtig und liebevoll britische Ironie schwebt.
Weil Papa Green eingezogen wurde, muss die überforderte Mama (zauberhaft: Maggie Gyllenhaal) ihre Sprösslinge alleine durchbringen, während ihr verschuldeter Schwager Phil (urkomisch: Rhys Ifans) sich den Hof unter den Nagel zu reißen versucht. Dann bekommen Megsie, Norman und Vincent es auch noch mit ihrer verzogenen Cousine Celia und ihrem impertinenten Cousin Cyril zu tun, die wegen der Bomben aus London in die Provinz kutschiert werden.
Da geht es handfest zur Sache: Celias schöne Kleider landen gleich im Dreck, Cyril zerstört das Marmeladenglas für Daddy. Die Lage droht zu entgleisen, als Nanny McPhee auftaucht (Emma Thompson mit Warzen und Hexenzahn) und den Kindern Grundregeln beibringt: andere respektieren, teilen, zusammenarbeiten. Damit kommt sie an, weil ihre Lektionen vor kindlicher Anarchie strotzen: Da muss Vincent so lange Porzellan zerschlagen, bis es selbst ihm zu viel wird, da werden Kinderbetten mit Kuh und BabyElefant geteilt, da üben sich entlaufene Ferkel im Synchronschwimmen. Und der ungezogene Rabe Mr. Edelweiß rülpst dazu.
Wundervolle Kinderdarsteller haben Regisseurin Susanna White und Autorin/Produzentin Emma Thompson gefunden. Die prominenten Erwachsenen zeigen allesamt starkes Profil, Rhy Ifans etwa taugen selbst Slapstick-Klischees wie eine heiße Herdplatte zur großen Komödie. Wo andere Kinder- und Familienfilme sich stärker kurzlebigen medialen Konsumphänomenen ergeben, zeigt Thompson sich unbeeindruckt: Sie bleibt konsequent bei den elementaren Grundfragen des Menschseins, sie lässt Kinder Kinder sein und nimmt sie dabei sehr ernst.
Manche finden diesen Ansatz altmodisch, das Märchenhafte gar realitätsfremd, wie es Kommentaren aus den USA bereits zu entnehmen ist. Nicht alle Menschen haben einen Sinn für Zeitlosigkeit - am allerwenigsten oft diejenigen, die sich besonders hart am Puls der Zeit wähnen.
Bernd Haasis
06.04.2010 - aktualisiert: 06.04.2010 12:53 Uhr