Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 06.04.2010
Greenberg
Misanthrop trifft Chaotin
Wie diese beiden ansatzlos in eine Sexszene hineinschlittern und wieder heraus, als es offenkundig nicht funktioniert, das ist Weltklasse. Der Hollywood-Star Ben Stiller hat sich in diesen Independent-Film eingefühlt, und die Newcomerin Greta Gerwig begegnet ihm wie selbstverständlich auf Augenhöhe.
Stiller spielt in Noah Baumbachs lakonischer Komödie "Greenberg" einen Misanthropen in der Midlife-Crisis. Nach Nervenzusammenbruch und Klinikaufenthalt kehrt er von New York zurück in seine Heimat L. A., um das Haus seines Bruders zu hüten, der mit Familie Vietnam bereist. Dort kollidiert er nicht nur mit Freunden von früher, die er vor den Kopf gestoßen hat, sondern auch mit der 15 Jahre jüngeren Chaotin Florence, einer entscheidungsschwachen Seele von Mensch, die nach dem Studium als Dienstbotin vor sich hin dümpelt. Die zauberhafte Greta Gerwig empfiehlt sich hier für weitere Rollen, wird eins mit der Figur, die verloren im Raum schwebt, nicht weiß, wohin mit ihren Händen und überhaupt mit sich. Ben Stiller macht aus seinem unerträglichen Nörgler einen scharfkantigen Charakter, der bei einer Party seiner Nichte als 40-Jähriger unter 20-Jährigen noch einmal zu ganz großer Form aufläuft - freilich ahnend, dass das nicht die Lösung sein wird.
Der eigenwillige US-Independent-Regisseur Baumbach (41, "Der Tintenfisch und der Wal") hat den ideenreichen Star gebändigt und konsequent eine sehr eigenwillige Linie verfolgt. In diesem Film scheint alles in Echtzeit zu passieren, der Bau einer Hundehütte, das Herumstehen auf einer Pool-Party mit Ex-Bekannten, von denen man sich entfremdet hat. Und weil die Akteure oft ratlos sind, werden es die Zuschauer auch, aber auf eine sehr vertraute Art: In feinen Andeutungen, Unbeholfenheiten und Dialogen, in denen der eigentliche Inhalt zwischen den Zeilen hängt, lässt Baumbach vorführen, was am Leben unspektakulär, aber essenziell ist - mit allen Irrungen und Wirrungen und viel Wahrheit. Köstlich.
Bernd Haasis
06.04.2010 - aktualisiert: 06.04.2010 13:03 Uhr