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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 08.04.2010

A Single Man

Gestrandet mit Stil und Geschmack

Sein Vorbild war Calvin Klein, er rettete Gucci und hat nun ein eigenes Label, das Daniel Craig als James Bond in "Ein Quantum Trost" vorführte: Der gebürtige Texaner Tom Ford zählt zu den erfolgreichsten Modedesignern. Natürlich spiegelt sich das, wunderbar zurückhaltend, in seinem Spielfilmdebüt: "A Single Man" atmet in der Bildkomposition, in sorgsam gewählter Garderobe, im Blick auf Architektur von außen und innen einen bestechenden Sinn für Stil und Geschmack, ohne sich aufzudrängen.

1962 steckt die US-Gesellschaft noch in ihrer Nachkriegsstarre, sie ächtet und ignoriert, was nicht auf ihre wohlsortierte Oberfläche passt. Der schwule Professor George (Colin Firth), von London nach L. A. ausgewandert, hat sich in der Partnerschaft mit Jim (Matthew Goode) eingerichtet; als dieser bei einem Verkehrsunfall stirbt, wird er mit der vollen Wucht der Isolation konfrontiert, in der Homosexuelle zu dieser Zeit leben. Er versinkt in Verzweiflung und plant schon seinen Suizid, als ihm menschliche Begegnungen neuen Lebensmut geben.

In kleinsten Gesten, manchmal allein mit einem Blick geißelt Colin Firth als gepflegter Robinson Crusoe mit ästhetischem Anspruch die kulturelle Wüste, in der er gestrandet ist - und in der niemand seine beißende Ironie versteht, oder besser: verstehen möchte. Der intelligente Student Kenny indes lässt sich nicht abwimmeln. Er glaubt, einen Seelenverwandten erkannt zu haben, und dem lebenshungrigen Jungen gelingt es, den Erfahrenen aus der Reserve zu locken.

Georges alte Freundin Charley (Julianne Moore), wie er aus London, beschert ihm im plüschigen Domizil einen alkoholseligen Abend und bringt ihn sogar zum Tanzen; doch sie fällt für einen Augenblick aus der Rolle, stellt Schwulsein als Stigma in den Raum. Kleinste Schwankungen der Gefühlstemperatur hat Ford hier präzise auf den Punkt gebracht, und Moore ist auf Augenhöhe als alternder Vamp mit falschen Wimpern und Zigarettenspitze, gefangen in einer Fremde, von der sie seinetwegen nicht lassen kann. Dann ein gleißend sonniges Parkdeck: Vor den riesenhaften Augen eines Plakatwandmodels raucht George eine Zigarette mit einer Zufallsbekanntschaft, einem spanischen Stricher im James-Dean-Look, der der katholischen Zwangsmoral seiner Heimat entflohen ist - ein Sinnbild dafür, dass der Wandel schon begonnen hat, der bald viele Restriktionen hinwegfegen wird.

Nur in einem ist Ford übers Ziel hinausgeschossen: Wie er seinen Helden am Verlust des Geliebten leiden lässt, wie er ihn zum Streicherpomp im Bildversatz als zerbrechenden Ertrinkenden stilisiert, das wirkt zu dick aufgetragen. Dafür versinkt er nicht - anders als etwa Gus van Sant in "Milk" - in schwuler Selbstbespiegelung. Das Ausgeschlossensein als Thema löst sich bei ihm vom spezifischen Fall, von der Minderheitenproblematik, und wird als universelles Phänomen für jedermann erlebbar. Das ist ein Kunststück, das nicht oft gelingt.
 

Bernd Haasis

08.04.2010 - aktualisiert: 08.04.2010 09:55 Uhr

 


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