Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 08.04.2010
Nothing Personal
Freiwillig in der Stille leben
Es geht auch ohne Psychoanalyse. Es geht mit Liebe. Am Ende dieses mysterienhaften und doch logischen Filmes ist Anne, eine verlassene und in der Folge von sich selbst entfremdete junge Frau geheilt - durch die gelassene, entschiedene Aufmerksamkeit des älteren Mannes Martin. Regisseurin Urszula Antoniak erzählt in ihrem ersten Kinofilm von extremen Gefühlen menschlicher Existenz. Von Verlassenwerden, Ausgeliefertsein, Schmerz und Einsamkeit. Mit diesem Sujet setzt die gebürtige Polin die Tradition der großen Filmemacher Andrej Tarkowskij und Theo Angelopoulos fort.
Symbolhaft für die Entfremdung des Menschen von sich selbst agiert Anne auf der Leinwand als Flüchtende. Die Holländerin lässt ihr Leben hinter sich und setzt sich der wilden Natur Irlands aus. Hier findet sie Martin. Martin lebt alleine, ist aber behaust in dem, was Menschsein erstrebenswert macht: in Büchern, Musik und gutem Essen.
Lotte Verbeek spielt die Totalverweigerung ihrer Figur mit erbarmungsloser Konsequenz und ikonenhafter Hingabe. Mal stumm, mal brüsk, die Spielregeln der Zivilisation negierend, wenn sie mit schmutzigen Händen Essen in sich hineinstopft. Martin ist ein Ästhet, ein Hedonist, ein Weiser, ein von seinem Schmerz Erlöster. Einer, der freiwillig in der Stille lebt und sie freiwillig verlässt. Mit Stephen Rea hat Antoniak einen charismatischen Darsteller gefunden. Man glaubt ihm seine Anteilnahme am Schicksal der schönen, wilden Kindfrau, die in dieser so erdigen wie leuchtenden irischen Landschaft ausgerechnet bei ihm gestrandet ist. In seinen Blicken spiegelt sich peu à peu das Aufbrechen der Gefühlsblockaden seines Gegenübers.
Ähnlich wie Tarkowskij und Angelopoulos setzt Antoniak auf die Kraft der Musik. Mit Wilhelm Müllers und Franz Schuberts "Fremd bin ich eingezogen. Fremd zieh' ich wieder aus" wählt sie stimmig das Motiv von seelischem Winter und psychischer Nacht, wenn Menschen durch Verletzung und Schmerz von ihrem essenziellen Kern abdriften.
Anne wird am Ende geheilt sein. Ein Happy End im klassischen Sinne gibt es nicht. Dem schlichten Kausalitätsbedürfnis wird Urszula Antoniak also nicht gerecht. Aber sie erzählt die stimmige Geschichte einer an Wundern vollen Liebesbeziehung.
Brigitte Jähnigen
08.04.2010 - aktualisiert: 08.04.2010 10:03 Uhr