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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 15.04.2010

Das Bildnis des Dorian Gray

Maden, die aus Augen kriechen

Dunkel glänzendes Blut tropft aus einer Holzkiste aufs Trottoir, aber der Polizist bemerkt es nicht. Außerdem sieht der Herr, dem er behilflich ist, die Kiste in einen Wagen zu hieven, liebreizend harmlos aus. Kaum vorstellbar, dass der so kaltblütig ist, mit einem Polizisten eine Leiche zu transportieren. Ist er aber. Später wirft er die Kiste in die Themse: Focus auf ein bleiches Gesicht, rote Lippen, leicht gewelltes dunkles Haar, ein wehender Mantel - die Ähnlichkeit mit Michael Jackson ist unübersehbar.

Schöngeister, die eine luftig durchwehte Interpretation von Oscar Wildes Roman "Das Bildnis des Dorian Gray" erwarten, ahnen, dies ist kein Film für sie. Statt erlesenen Dekors und ironisch leicht dahingeplauderter Bonmots sieht man Maden aus Augen kriechen, faule Zähne, Blut und Splatter.

Das Hochmoralische, das Oscar Wilde hinter den berühmten Aphorismen verbirgt, wird von Oliver Parker, der schon zwei Wilde-Komödien verfilmt hat, deutlich betont. Dorian lässt sich malen und wünscht, sein Bildnis möge für ihn altern - für ewige Schönheit seine Seele zu verkaufen und zu morden ist grausam, sagt Parker, also dreht er einen Horrorfilm. Außerdem erfindet er eine Tochter für Lord Henry, der dem naiven Dorian die zynischen Flausen ins hübsche Ohr setzt. Henry will die Kleine nicht an den Zögling verlieren, und diese Konstellation ermöglicht dann noch einen ganz spannenden Showdown.

Parker sagt auch: Dorian ist schön, aber er lebt wie ein Untoter, deshalb die Zitate von Jacksons "Thriller"-Videoästhetik. Nur kein verharmlosender Ästhetizismus jedenfalls, und so ist die Bildsprache von extremer Schäbigkeit. Der Bahnhof, an dem Dorian - noch ganz Landei im albernen Tweedanzug - ankommt, sieht nach Pappmaché aus. Der Kameraflug über die Stadt zeigt künstlich aussehende Dächer, und selbstverständlich sieht auch Dorians Haus besonders trist aus. Die Kleider der Frauen sind dafür überrüscht und von billigster Buntheit. Wie einer in dieser hässlichen Welt möglichst lange und schön verweilen wollen kann - unklar.

Unklar ist auch, weshalb der Regisseur Ben Barnes engagiert hat. Er ist ein sehr schöner Dorian, aber er verfügt nicht über mehr als zwei bis drei verschiedene Gesichtsausdrücke. So geraten vor allem die schnell geschnittenen Szenen, in denen Dorian sich im Sündenpfuhl wälzt, besonders peinlich. Das ist aber auch Parkers Schuld, da ihm hier nicht viel mehr eingefallen ist als der üblich schwülstige Sadomaso und Frauen mit Palmwedel auf dem Lotterbett. Schade eigentlich, denn die Interpretation des Textes ist schlüssig, und abgesehen von Barnes sieht man den Schauspielern gern zu. Colin Firth als vollbärtiger Zausel gewinnt Lord Henry erstaunlich misanthropische Züge ab, Rebecca Hall als seine Tochter zeigt eine herrlich freche Frische, und auch Ben Chaplin, der den etwas verliebten Maler spielt, schaut so verschämt waidwund auf sein Objekt, dass es schmerzt.
 

Nicole Golombek

15.04.2010 - aktualisiert: 15.04.2010 12:49 Uhr

 


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