Suche nach Kinofilmen
 
 


Filmbeschreibung

Kino-Termine

Dieser Film läuft in folgenden Kinos

 

 

Vorschau ]

zurück


Drucken Versenden
Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 29.04.2010

Sin Nombre

So kann kein Mensch leben

Roadmovie, harter Gangster-Thriller, Flüchtlingsdrama, Romanze - all das in einen einzigen Film zu packen, ist ein Kunststück, das selten gelingt. Der US-Regisseur Cary Joji Fukunaga hat es mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit geschafft, und er erzählt trotz drastischster Verwerfungen mit einer Leichtigkeit, die zuletzt Fernando Meirelles in seinem brasilianischen Meisterwerk "City of God" gefunden hat. Zu Fukunagas Erfolgsrezept gehört, jeder romantischen Beschönigung zu widerstehen und im Unwirtlichen Wundervolles erblühen zu lassen.

An urbanen Unorten eines elenden, vermüllten Mexiko ist der junge Casper Wachtposten für die Gang, der er sich verschrieben hat. Die Mara Salvatrucha, deren Mitglieder sich durch große Tätowierungen kennzeichnen, gilt als eine der aggressivsten Banden Lateinamerikas. Sie lebt vom Drogen-, Waffen- und Menschenhandel, zum Aufnahmeritual gehört, sich 13 Sekunden lang von den zukünftigen Companeros verprügeln zu lassen. Das zeigt Fukunaga den Zuschauern gleich in Großaufnahme - und wie Casper wegen eines Mädchens den Dienst schleifen lässt und mit seinem volltätowierten Anführer Probleme bekommt.

Parallel dazu macht sich die junge Sayra mit Verwandten auf, der Perspektivlosigkeit in Honduras zu entkommen. Sie tritt die gefahrvolle, entbehrungsreiche Reise Richtung Norden an und hofft, es irgendwie bis in die USA zu schaffen. Auf dem vollbesetzten Dach eines Zuges trifft sie auf Casper, der seinem ewig lächelnden Boss dabei helfen soll, die Flüchtlinge auszurauben. Doch Casper kämpft längst mit Zweifeln.

Dass sich unter solchen Bedingungen überhaupt eine ganz zarte Romanze entwickeln kann, verdankt Fukunaga auch seinen Hauptdarstellern: Jede Faser seines Körpers spannt Edgar Flores im inneren Ringen Caspers mit seiner harten Schale und dem äußeren mit den Verhältnissen, und Paulina Gaitan löst allein durch ihre tiefe Ernsthaftigkeit den Widerspruch ihrer Figur auf, sich als braves Mädchen gegen jeden Rat dem Gangster zu nähern, dem sie ihr Leben verdankt.

Verwunschene Landschaften ziehen vorüber mit riesigen steinernen Jesus-Statuen und blühenden Hainen, doch sie beherbergen unvorstellbare Armut, und der Kontrast berührt, schockiert weit mehr als die Gewalt der Banden. Wenn Kinder den Flüchtlingen nicht helfen, sondern sie mit Steinen bewerfen, wenn Schießereien Unschuldige das Leben kosten und Gangster nicht einmal einen Gedanken daran verschwenden, dann wirkt das kleine Glück der beiden Liebenden wie eine surreale, sturmumtoste Insel in einem Ozean der Unmenschlichkeit.

So schält sich allmählich und unterschwellig das eigentliche, große Thema des Films heraus: Weil unter solchen Bedingungen niemand leben kann, suchen immer mehr ihr Glück in der Flucht nach Norden, Tendenz steigend. Das ist das große Drama der Gegenwart, und es hat erst begonnen.
 

Bernd Haasis

29.04.2010 - aktualisiert: 29.04.2010 10:46 Uhr

 


Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise