Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 06.05.2010
Die Eleganz der Madame Michel
"Ich bin etwas verwildert"
Noch 165 Tage bis zu ihrem 12. Geburtstag. Dieser Tag soll ihr Todestag sein. Paloma (Garance Le Guillermic) will sich umbringen; die Philosophen kennt sie schon alle, das hat auch nichts geholfen. Sie findet ihr Leben als Tochter einer reichen Pariser Familie sinnlos, und sie will nicht enden wie ihre tablettenabhängige Mutter, die mit Blumen redet, aber nicht mit ihr. Paloma filmt sich selbst, während sie sich ihre "tiefgründigen Gedanken" macht. Diese Passagen der Romanvorlage "Die Eleganz des Igels" von Muriel Barbery inszeniert Mona Achache mit Handkameraästhetik. Eine Nervosität, die sich legt, als Paloma die Concierge Madame Michel (Josiane Balasko) kennenlernt.
Die Beobachtungen der Concierge, im Buch in Ich-Perspektive erzählt, werden von einer elegant und ruhig durch das feine Pariser Haus schweifenden Kamera übernommen. Sobald sie ins Spiel kommt, stimmen auch das Tempo und der Rhythmus des Films. Man fängt sogar an, die altkluge Paloma zu mögen, die freundlich und neugierig wird, wenn sie mit Madame Michel zusammen ist und von ihr mehr über das Leben lernt, als sie je vermutet hätte.
Renée Michel bedient das Klischee der Concierge - mürrisch, dicklich, ständig vor dem Fernseher sitzend -, um sich in einer Kammer zu verschanzen, Tee zu trinken und zu lesen. Doch wie Paloma bemerkt auch ein neuer Bewohner - der ältere japanische Herr Kakuro (Togo Igawa: sehr distinguiert) -, dass Renée ein Doppelleben führt. Renées Kater heißt Leo nach Tolstoi. Und seine Katzen, so viel literarischer Kitsch darf gern sein, heißen Kitty und Lewin wie Figuren in "Anna Karenina".
Monsieur und Madame erkennen sich also als Connaisseure. Die Freundschaftsgeschichte zwischen den drei kultivierten Außenseitern und die Liebesgeschichte zwischen Renée und Kakuro ist dezent und humorvoll erzählt. Vor allem Josiane Balaskos Spiel ist von einer so anrührenden Ruppigkeit, dass sich nicht nur Paloma und Kakuro in sie verlieben. "Ich bin etwas verwildert", gesteht Renée ihrem japanischen Freund beim ersten Date. Das macht ihren Charme aus und den des Films.
Nicole Golombek
06.05.2010 - aktualisiert: 06.05.2010 10:32 Uhr