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Menschenführung

Vertrauen - Nahrung für die Seele

Persönlichkeiten in Führungspositionen sollten eine gewisse innere Distanz zu sich selbst haben und mit ein wenig Humor und Gelassenheit der eigenen Person gegenüberstehen
Foto: dpa

Menschenführung ist eine herausfordernde Aufgabe. Sicher, auch in dieser Disziplin gibt es Naturtalente. Vorgesetzte, die mit Geschick und Einfühlungsvermögen hohe Leistung bei gleichzeitig hohem Wohlbefinden der Geführten erreichen, die begeistern und aus dieser Begeisterung heraus mitreißen. Doch wie das so ist mit den Naturtalenten, sie sind rar gesät. Gemeinhin will dieses Vermögen, im Einklang mit sich selbst und seinen Leuten sachlich viel zu erreichen, ohne menschlich über Gebühr zu drangsalieren und zu strapazieren, hart erarbeitet werden.

Und dazu gehört vor allem, "nicht in einmal eingefahrenen Bahnen der Wahrnehmung, der Empfindungen und der Erkenntnis stecken zu bleiben," betont der Leiter der Zentralstelle für Neurobiologische Präventionsforschung der Universität Göttingen und des Instituts für Public Health der Universität Mannheim/Heidelberg, Professor Gerald Hüther. Gelingende Führung verlangt für ihn, "sich schrittweise auf den Stufenleitern der Wahrnehmung und Empfindung, der Erkenntnis und des Bewusstseins dem anzunähern, was ein menschliches Hirn auszeichnet: sich selbst immer wieder neu infrage zu stellen".

Ohne die Bereitschaft dazu bleibt Menschenführung Stümperei. Nur zu oft verhindert Selbstgefälligkeit, in unheiliger Allianz mit dem Verzicht der Führenden, sich auch selbst und nicht nur andere infrage zu stellen, hohe persönliche Leistungsbereitschaft der Geführten. Und das, was sie auf Dauer absichert: das Gefühl des Aufgehobenseins im menschlichen Miteinander.

"Aus den Forschungen zum Thema ,Selbstwert' ist bekannt: ein zentraler Faktor unter anderem für die psychische Gesundheit wie für die Motivation ist, sich selbst als wertvoll und wichtig zu erleben. Hierzu gehört auch, in den Augen von anderen Respekt zu genießen und soziale Anerkennung zu bekommen", gibt Dr. Maja Storch vom Institut für Selbstmanagement und Motivation, einem Spin-off der Universität Zürich, zu bedenken. "Wird dieses soziale Selbst bedroht, reagiert der Mensch genauso mit Stress, wie wenn das physische Selbst bedroht wird", sagt sie. Ein kaum noch fehlzuinterpretierender Hinweis auf die enge Verzahnung von beruflicher Stressbelastung und Demotivation.

"Damit unser psychisches System den Anforderungen unserer heutigen Arbeitswelt standhalten kann, muss es ähnlich wie unser Stoffwechselsystem mit entsprechender ,Nahrung' versorgt und auf diese Weise immer wieder gestärkt werden", verweist Hüther auf einen notwendigen Aspekt jedweden Führungshandelns. Doch - was ist Nahrung für die Seele? Vielfältigen Befunden aus der Stress- wie der Hirnforschung zufolge Vertrauen. Eine wesentliche, wenn nicht gar die wesentlichste Führungsaufgabe sieht Hüther demzufolge in der zwischenmenschlichen Vertrauensbildung. Allerdings dementsprechend auch eine der bedenklichsten Leerstellen im heutigen Führungsgeschehen. Eine Tatsache, die durch die Realität, vor allem in größeren Unternehmen, immer wieder bestätigt wird. Nachzulesen in dem Buch "Kopfzahl-Paranoia - Von der Selbstzerstörung der Konzerne".

Unter dem Pseudonym Katharina Weinberger legt darin eine Betroffene eine aufschlussreiche Insider-Analyse zum Thema vor. Weinbergers Beobachtungen werfen neben vielen anderen auch diese Fragen auf: Was wird in der Aus- und Weiterbildung von Führungskräften falsch gemacht? Wird in all den Assessments, Seminaren, Workshops etc. nicht ein viel zu angepasstes Verhalten geprägt? Und auch ein viel zu mechanistisches? Kommt die Persönlichkeitsbildung zu kurz? Wird nicht viel zu viel Wert auf das Erlernen ständig neuer Techniken und Methoden des Führens gelegt?

So wichtig ein einschlägiges gut ausgestattetes Instrumentarium auch sein kann, nicht minder wichtig ist für den Geschäftsführer der Münchner Unternehmensberatung Coverdale, Thomas Weegen, "die menschliche, die persönliche Reifung und Entwicklung". Dieser Reifungsprozess werde bedenklich vernachlässigt. Eine Be-obachtung, die sich für Weegen in seiner Beratungsarbeit immer wieder bestätigt: Dabei seien für die Akzeptanz und die erfolgreiche Arbeit einer Führungskraft deren persönliche Einstellungen und Werte, die sich in Verhaltens- und Umgangsweisen zeigen, immer bedeutsamer als die routinierte Anwendung von Führungstechniken.

Die Konsequenz daraus heißt für ihn: "Was wir brauchen, sind Persönlichkeiten in Führungspositionen mit einer gewissen inneren Distanz zu sich selbst, mit ein wenig Gelassenheit und Humor der eigenen Person und den anderen gegenüber." Mit anderen Worten, sagt Weegen, "Menschen, die sich in sich selbst wohlfühlen. Und das auch ausstrahlen. Und damit vertrauenswürdig werden". Doch dieses Wohlfühlen in sich selbst ist ein Empfinden, das offensichtlich recht unbedacht unter dem vermeintlichen Zwang zur Anpassung auf dem Altar des Vorankommens geopfert wird, wie bei Weinberger nachzulesen ist.

Dessen Fehlen im Laufe eines Berufslebens muss allerdings allzu oft teuer bezahlt werden. "Nirgendwo mehr als auf dem Karriereweg begegnen dem aufmerksamen Beobachter so viele sich selbst entfremdete Menschen, die das Leid, das sie sich selber antun, auch anderen antun", weiß der Esslinger Coach und Professor für praktische Philosophie, Ferdinand Rohrhirsch. Mit seelischen Erkrankungen befasste Ärzte bestätigen das. Bedrücken Rohrhirsch einerseits die sich wiederholenden Begegnungen mit Unternehmern und Führungskräften, "die sich selbst aus den Augen verloren haben", erfüllt ihn eine andere Beobachtung mit leiser Zuversicht. "Offensichtlich bleiben erschreckende Erfahrungen im Freundes- und Bekanntenkreis nicht ohne Wirkung", sagt er. Und: "Ich spüre eine wachsende Aufgeschlossenheit dieser Problematik gegenüber."

Literatur

Katharina Weinberger: Kopfzahl-Paranoia - Vor der Selbstzerstörung der Konzerne. Deutscher Taschenbuch Verlag, 219 Seiten, 14,90 Euro.

Thomas Bubeck: Aus der Giftküche des Managements. Verlag Wiley-VCH, 272 Seiten, 19,90 Euro.

Ferdinand Rohrhirsch: Führung und Scheitern - Über Werte und den Wert des Scheiterns - Wie Führung glückt. Gabler, 199 Seiten, 39,30 Euro.

Stefan Seiler (Hrsg.): Führung neu denken - Im Spannungsfeld zwischen Erfolg, Moral und Komplexität. Orell Füssli, 189 Seiten, 29,90 Euro.
 

StZ/StN

12.05.2010 - aktualisiert: 10.05.2010 10:29 Uhr

 



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