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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 12.05.2010

Robin Hood

Der König beneidet den Volkshelden

Das beschert dem Film Aufmerksamkeit über die massive Werbekampagne hinaus, die auf eine gewisse Nervosität schließen lässt. Aus gutem Grund: Dieser "Robin Hood" mag ungewöhnlich sein, ein Selbstläufer wird er deshalb nicht automatisch. Bereits zum fünften Mal haben Regie-Altmeister Ridley Scott (72, "Alien", "Blade Runner") und der australische Charakterdarsteller Russell Crowe (46, "Der Insider") gemeinsam gedreht - dass sie in "Gladiator" (2000) dem alten Rom näherkamen als irgendjemand zuvor, hat sie verbunden. Allerdings stellte Crowe diesmal eine Bedingung: Er forderte einen frischen Ansatz.

Neben der Artussage gehört die Geschichte des im 12. Jahrhundert vogelfrei im Wald lebenden Bogenschützen, der den Reichen nimmt und den Armen gibt, zu den angelsächsischen Urmythen. Entsprechend oft ist sie verfilmt worden, wobei Michael Curtiz' Fassung von 1938 mit Erroll Flynn das Bild nachhaltig geprägt hat. Drehbuchautor Brian Helgeland (Oscar für "L. A. Confidential", 1997) erzählt nun die Vorgeschichte. Er hat neue Aspekte und Figuren hinzufügt, bekannte Figuren neu interpretiert und eine komplexe Verschwörung angelegt.

Robin Longstride ist Bogenschütze in der Kreuzzugsarmee des Richard Löwenherz, die nach zehn Jahren nach Hause zurückmöchte. Doch Löwenherz stirbt, sein wankelmütiger Bruder John wird König, worauf dessen Vertrauter Godfrey ein Terror-Regime aufzieht und als Verräter dem französischen König England in die Hände spielt. Paroli bietet ihm nur Robin, den der Baron Loxley in Nottingham in die Rolle seines gefallenen Sohnes schlüpfen lässt - was dessen tapfere Witwe Marion zunächst mit Argwohn verfolgt.

Eine komplexe Gemengelage aus großer Politik und kleiner Lebensrealität also, die Scott im "Gladiator"-Stil ins Bild gesetzt hat. Dicht an der mittelalterlichen Härte, dem Dreck und den Brutalitäten beginnt er mit einer Belagerung. Da pfeifen Pfeile und krachen auf Schilde, klirren Schwerter auf Kettenhemden, wird in Großaufnahme gestorben. Dann fällt Robin bei Löwenherz in Ungnade, worauf Crowe und Cate Blanchett als Marion viel Zeit bekommen für ihre behutsame Annäherung, die ihnen gut gelingt, den Film aber auch langsam macht. Oscar Isaac ("Agora") gibt den dekadenten König John als wunderbar talentfreie Nervensäge, und Mark Strong, zuletzt Lord Blackwood in "Sherlock Holmes", verkörpert als Godfrey sehr gegenwärtig eine loyalitätsfreie Heuschrecke, die nur dem eigenen Fortkommen dient. Max von Sydow glänzt als Loxley, den er als blinden und doch unbeugsamen Greis mit prallem Leben erfüllt. Der Sheriff von Nottingham dagegen bleibt eine Randfigur - eine unangenehme Vorahnung dessen, was folgen wird.

Anders als beim alten Rom oder auch bei seinem Kreuzritterfilm "Königreich der Himmel" hat Scott diesmal Konkurrenz: Mel Gibson zeigte in "Braveheart" (1995) den schottischen Freiheitskampf im 13. Jahrhundert und überzeugte nicht nur mit einer beinharten Blut-und-Eisen-Inszenierung, sondern auch mit großen Gefühlen und Landschaftsimpressionen. Bei Scott wütet der Verräter Godfrey ein wenig zu unmotiviert unter Frauen und Kindern, und der Nottingham Forrest, wesentliches Element des Mythos, kommt eindeutig zu kurz.

100 Minuten lang ist "Robin Hood" dennoch sauberes Popcorn-Kino; in den restlichen 40 verliert er sich in einem Rührstück. Robin übermannt das Gedenken an den Vater, der zum Märtyrer im Freiheitskampf und Schöpfer der Magna Charta stilisiert wird, und die streitbare Marion überemanzipiert sich, wenn sie gerüstet in die finale Schlacht am Strand reitet - eine unglückliche Reminiszenz an eine ähnliche Situation im missratenen zweiten Teil von "Elizabeth".

Helgeland und Scott scheinen die Ideen ausgegangen zu sein, und die aufgeblasene Orchestralmusik, bis dahin nur latent störend, legt sich nun wie Blei aufs Gemüt. Der despotische König John neidet dem Volkshelden Robin den Erfolg, bald schwenkt der Sheriff den Steckbrief, und beim Anblick von Crowe und Blanchett im Wald wird deutlich, dass beide zu alt sind für ihre Rollen - die Geschichte beginnt jetzt ja erst richtig.

Junge Schauspieler dieser Qualität gibt es freilich nicht viele, und für einen unterhaltsamen Abend taugt "Robin Hood" allemal. Genau wie für eine Festival-Eröffnung, bei der Prominenz wichtiger sein kann als der Film.
 

Bernd Haasis

12.05.2010 - aktualisiert: 12.05.2010 11:40 Uhr

 


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