Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 12.05.2010
Federicos Kirschen
Ein Kalb namens Kyoto
Pol Ferguson (Gary Piquer) ist Autor von Touristenführern. Eigentlich ist er auf dem Weg zur Küste, als sein Caravan den Geist aufgibt, und das ausgerechnet in einem kleinen nordspanischen Kaff in unmittelbarer Nähe eines Kohlekraftwerks. Doch Ferguson ist offen und neugierig. Während sein Wagen repariert wird, freundet er sich mit den Dorfbewohnern an. Er lernt deren Marotten und Verwicklungen kennen und kann sich ihrem Charme nicht entziehen.
Besonders der alte Federico (Celso Bugallo) und die attraktive Cristina haben es ihm angetan. Der eine kämpft seit Jahrzehnten wie ein Don Quichotte gegen das umweltverschmutzende Kohlekraftwerk und kann Ferguson für seinen Kampf gewinnen. Die alleinerziehende Mutter Cristina betört ihn auf andere Weise.
Unaufgeregt, liebevoll und präzise zeichnet der spanische Regisseur José Antonio Quirós das Porträt eines Dorfs und seiner Einwohner, zeigt ihre Beziehungen untereinander, ihre kleinen Grabenkämpfe und ihre Liebe zum alltäglichen Dorfleben. Schöne, leise und wunderbar beobachtete Momente sind es, immer mit einem gerüttelt Maß an Humor, wenn etwa Federico sein Kalb nach dem Klimaschutzprotokoll Kyoto nennt, in der Hoffnung, dass Letzteres dem örtlichen Kraftwerk den Gnadenstoß gibt. Oder wenn der Schotte Ferguson, im Kilt gewandet, seinen neuen Freunden zu Ehren einen Festschmaus gibt, Haggis kocht und dazu eine Rezitation im feinsten Schottisch präsentiert. Das ist wunderbar.
Ebenso wohltuend ist José Antonio Quirós' differenzierter Blick auf die Geschehnisse - das Kraftwerk ist nicht nur das Ruß speiende Feindbild Federicos und einiger Umweltschützer, sondern bedeutet für manche am Ort schlicht ihre Arbeit. "Federicos Kirschen" ist ein humorvoller, mitunter melancholischer, fast idyllisch anmutender Film mit starken Bildern und starken Charakteren.
Eva Maria Schlosser
12.05.2010 - aktualisiert: 12.05.2010 13:07 Uhr