Drucken Versenden

Alfa Romeo Giuletta

Julchen ist zurück

Die hinteren Türen weiß die Giuletta elegant zu kaschieren.
Foto: Hersteller

Stuttgart - Ein Schmankerl nach italienischer Art ist die Entstehung der ersten Giulietta, denn Julchen wurde wegen einer Lotterie geboren - und zwar auf die Schnelle: Nach zweimaligem Formel-1-Sieg zieht Alfa Romeo 1951 seine Werkswagen aus den Grand-Prix-Rennen zurück. Die Ingenieure sollen stattdessen dringend ein Fahrzeug entwickeln, das den Italienern den Sprung zum Großserienhersteller ermöglicht. Um richtig Geld in die Kasse des staatlich kontrollierten Autobauers zu spülen, wird zur Finanzierung der Giulietta eine Lotterie veranstaltet. Die Mitspieler erhalten die Chance einer Anwartschaft auf die ersten tausend Fahrzeuge. Hauptgewinn: eine nagelneue Giulietta.

Aber es wird zeitlich eng, denn die viertürige Limousine braucht noch Entwicklungszeit - mit italienischer Improvisationskunst entsteht kurzerhand zuerst das Coupé, um die Lotterie-Zusage einhalten zu können. So wird das in Kleinserie bei Bertone gefertigte Coupé Giulietta Sprint bereits 1954 geboren, wohingegen die Limousine 1955 auf dem Turiner Autosalon Premiere hat. Danach geht es wie geplant richtig aufwärts mit den Verkaufszahlen: Zwischen 1955 und 1964 steigen sie in den sechsstelligen Bereich. Zahlreiche Abkömmlinge wie der Spider oder Versionen vom Coupé entstehen. Von 1977 bis 1985 verwendete Alfa Romeo den Namen Giulietta für eine keilförmige Mittelklasse-Limousine ein weiteres Mal.

Jetzt dürfen die Alfa-Händler nach 25 Jahren Pause wieder den berühmten Namen in den Mund nehmen. Als Nachfolgerin des kompakten 147 verkörpert die Giulietta große Hoffnungen für die einstige Mailänder Traditionsmarke, die längst in Turin und Neapel fertigt. Der deutsche Alfa-Romeo-Chef Haico van der Luyt betont die Wichtigkeit der Giulietta-Plattform: "Sie ist die Basis für alle künftigen Konzernfahrzeuge dieses Segments."

Alfa hat seit jeher schön geformte Fahrzeuge mit ordentlich Dampf unter der Haube gebaut, woran sich auch bei der neuesten Giulietta nichts geändert hat. Freilich ist die verblichene Namensgeberin nicht mehr zu erkennen, eher blitzt von vorn der kleine Bruder Mito auf. Die Seitenlinie spricht die deutliche Sprache der gegenwärtig allseits bevorzugten Keilform, und beim Heck haben es die Designer verstanden, schnörkelig zu zeichnen, ohne verstylt zu wirken. Gutes Aussehen allein genügt aber nicht, um sich heutzutage einen Platz im heiß umkämpften Haifischbecken der Kompakten à la VW Golf, Opel Astra oder BMW 1er zu sichern.

Julchen wird deshalb mit fast allem ausgestattet, was an aktueller Technologie gerade gut genug ist, wohlgemerkt schon in der Basisversion: Tagfahrlicht, dreistufige Fahrdynamikregelung ganz nach Belieben von komfortabel bis hart - sowohl in der Federung als auch bei Gasfuß und Lenkung. Weiter an Bord: ein elektronisches Stabilitätssystem mit Bremsassistent, elektronischer Differenzialsperre und Berganfahrhilfe. Obendrein gibt es Start-Stopp-System, Klimaanlage und aktive Kopfstützen vorn.

Innen löst die hohe Gürtellinie auf prächtig geformten Sitzen ein Gefühl aus, wohlbehütet zu sein. Im Fond müssen sich Großgewachsene zwar einfädeln, haben aber eine Chance zu ordentlicher Sitzposition - wenn der Vordermann mitspielt und entsprechend weit nach vorn rückt. Bereits vom Alfa 156 und 147 bekannt sind die geschickt in der hinteren Dachsäule versteckten Griffe der Fondtüren. Damit wirkt auch die Giulietta wie ein fescher Dreitürer. Der Kofferraum fasst klassenübliche 350 Liter.

Die Giulietta fährt genauso, wie es von ihr erwartet wird: Sie mag innerhalb ihrer modernen Motorenpalette von 77 kW (105 PS) bis 173 kW (235 PS) hohe Drehzahlen, heult auch mal gepflegt auf, beißt beim Bremsen zuverlässig zu und lässt ihr Sechsganggetriebe nach alter Väter Sitte kurz und knackig schalten. Im Herbst wird ein Doppelkupplungsgetriebe nachgeschoben. Die Giulietta mit Basisbenziner verbraucht nach der Norm 6,6 Liter, der Diesel-Einstieg beginnt bei 4,4 Litern. Mit Preisen ab 19 900 Euro ist das neue Julchen in der Gegenwart angekommen. Auch wenn die Alfisti darauf hoffen - dem Anschein nach wird keine Lotterie den neuerlichen Traum von einem Coupé oder Cabrio erfüllen, auch wenn der hundertjährige Geburtstag der Marke eine Gelegenheit wäre.

Das Auto

Alfa Romeo Giulietta 1.4 TB 16V

Die Fakten Motor Otto-Vierzylinder, 1368 cm3 Hubraum Leistung 88 kW (120 PS) bei 5000 U/min Höchstgeschwindigkeit 195 km/h Beschleunigung 0 bis 100 km/h 9,4 s Getriebe 6-Gang-Schaltgetriebe Abmessungen 4351 mm x 1798 mm x 1465 mm Kofferraumvolumen 350 l Tankinhalt 60 l Leergewicht 1355 kg Zuladung 430 kg Zulässiges Gesamtgewicht 1785 kg Reifen 205/55 R 16 Verbrauch lt. Hersteller 6,6 l Super CO2-Ausstoß 152 g/km Grundpreis 19.900 Euro

Lob und Tadel

Auch nach 100 Jahren kann Alfa noch formschöne Autos fertigen, wofür die rassige Giulietta einen weiteren Beweis liefert.

Die Triebwerke stehen für kraftvolles Beschleunigen, wirken aber keineswegs überzüchtet. Mancher Fahrer freut sich über das kernige Motorengeräusch.

Man sitzt auf den Vordersitzen gut eingepasst wie die Pralinen in der Schachtel - aber keinesfalls beengt.

Der Fahrwerkskomfort ist Spitzenklasse, je nach Wunsch und elektronischer Steuerung komfortabel bis hart gefedert - ein schönes Spiel.

Die Giulietta bietet keine verschiebbare Rückbank, und nach dem Umklappen der Rückbank entsteht eine Stufe im Kofferraum.

Die bescheidene Sicht nach hinten erfordert dringend Parksensoren am Heck, die aber erst ab der höherwertigen Ausstattungsversion Turismo erhältlich sind - gegen Aufpreis.

Eine unverschämt hohe Kante am Kofferraum, nach der es zudem ordentlich nach unten geht, macht das Be- und Entladen von schwerem Gepäck zur Qual für den Rücken.

Ablagenvielfalt - leider Fehlanzeige, auch die Türfächer sind nur höchst bescheiden dimensioniert.
 

Gundel Jacobi

16.05.2010 - aktualisiert: 17.05.2010 11:22 Uhr

 



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise