Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 20.05.2010
Die Beschissenheit der Dinge
Von den Farben einer Biografie
Belgien in den 1980er Jahren. Der 13-jährige Gunther lebt zusammen mit seinem Vater, einem Alkoholiker, und dessen drei Brüdern bei seiner herzensguten Großmutter. Nicht nur sein alter Herr, auch die drei Onkels machen sich nicht allzu viel aus Arbeit. Weltrekorde im Biertrinken aufzustellen oder Nacktfahrradfahren erscheinen ihnen wesentlich wichtiger. So lebt die skurrile Gemeinschaft stets mit dem sozialen Abstieg Auge in Auge. Als Gunther in ein Internat abgeschoben werden soll, sträubt er sich anfangs, sieht für sich selbst jedoch bald keinen anderen Ausweg mehr.
Basierend auf dem gleichnamigen autobiografischen Roman von Dimitri Verhulst, erzählt das Melodram auf mehreren, jeweils durch ihre Farbgebung stimmig abgegrenzten Zeitebenen die Geschichte einer verkorksten Kindheit und ihren Folgen. Erst als Schriftsteller im Mannesalter wird Gunther den ersehnten gesellschaftlichen Aufstieg schaffen.
Immer wieder lässt Regisseur Felix Van Groeningen dessen philosophische Betrachtungen aus dem Off erklingen. "Das Leben geht weiter. Aber genau das ist das Schwierige daran!", heißt es da. Wenn der Protagonist dann am Ende des Films seinem eigenen Kind das Fahrradfahren beibringt, dieses dabei immer wieder umfällt und von neuem beginnt, so ist dies eine sehr schöne Metapher für den tiefgründigen Satz. Bis es allerdings so weit ist, werden die Zuschauer Zeugen allerlei derber Späße, die an jene der Filmfamilie Flodder erinnern könnten, wären sie nicht so bitterernst.
Wolfram Hannemann
20.05.2010 - aktualisiert: 20.05.2010 13:20 Uhr