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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 02.06.2010

Vergebung

Lisbeth schafft sie schließlich alle

Wer erwartet, der Titel würde auf einen versöhnlichen Schluss der Millennium-Trilogie verweisen, der irrt - denn am Ende des dritten Teils ist Stieg Larssons Heldin Lisbeth Salander wieder voll im Einsatz. Schauplatz ist eine verlassene Fabrikhalle, in der die schmächtige junge Frau gegen ein durchtrainiertes Muskelpaket um ihr Leben kämpft. Wieder einmal scheint es, als hätte sie keine Chance. Doch dann entdeckt sie ein Bolzenschussgerät, und die Nerven der Kinobesucher werden arg strapaziert - Vergebung sieht wirklich anders aus.

Wie in den vorausgegangenen Teilen "Verblendung" und "Verdammnis" liefern die Macher solide und spannende Kinounterhaltung ab. Und noch einmal haben sie die schwierige Aufgabe, bei der Romanverfilmung Schwerpunkte zu setzen, weitgehend gemeistert. Natürlich steht Lisbeths Vergangenheit im Vordergrund. Den Kampf gegen ihren Vater Zala hat sie im zweiten Teil nur schwer verletzt überlebt. Darüber hinaus wird sie verdächtigt, einen Sozialarbeiter und zwei Journalisten ermordet zu haben.

Es bleibt jetzt dem Journalisten Michael Blomquist vorbehalten, ihre Unschuld zu beweisen und Stück für Stück die Machenschaften einer vor vielen Jahren geheim operierenden Abteilung der schwedischen Sicherheitspolizei aufzudecken. Blomquist stößt in ein Wespennest: Aufgeschreckt durch seine Recherchen verbünden sich ehemalige Mitglieder der Sicherheitspolizei zu einem letzten Amoklauf und planen die Liquidierung aller Mitwisser. Alte Männer, seit Jahren in Pension, krebskrank oder von Dialysegeräten abhängig, übernehmen die Führung einer geheimen operativen Einheit und organisieren ihr letztes Gefecht.

Stieg Larsson hat in vielen Veröffentlichungen vor der Zunahme rechtsradikaler Umtriebe in Schweden gewarnt und auf eine konsequente Verfolgung gepocht. Den schwedischen staatlichen Institutionen hat er bei dieser Aufgabe nicht allzu viel Vertrauen entgegengebracht. Und so sind es in seinem Romanen auch weniger die Institutionen, die die Sicherheit des Individuums wiederherstellen, sondern couragierte Einzelpersonen, die sich mit der öffentlichen Meinung im Rücken den Ewiggestrigen entgegenstellen.

Diesen gesellschaftlichen Frontverlauf präzise herauszuarbeiten ist der Verfilmung allerdings nicht gelungen - dafür fehlte einfach Erzählzeit. Der Film hetzt von Schauplatz zu Schauplatz, installiert hier ein Intrigengeflecht und stellt da wieder neue Mitstreiter vor. Diese Vorgehensweise entwickelt zwar eine narrative Dynamik, die nicht zuletzt aufgrund der sorgfältig ausgewählten Schauspieler gut funktioniert; wer aber genauer wissen möchte, was faul ist im Staate Schweden, der wird an der Lektüre des über 700 Seiten starken Romans "Vergebung" nicht vorbeikommen.
 

Klaus Friedrich

02.06.2010 - aktualisiert: 02.06.2010 14:21 Uhr

 


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