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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 10.06.2010

My Name is Khan

Vom Geschick, Dinge zu reparieren

Als sein glückliches Leben in Trümmern liegt, beschließt der in den USA lebende Moslem und Autismus-Patient Rizwan Khan, den Präsidenten aufzusuchen und ihm persönlich zu sagen, dass er kein Terrorist ist. Der islamistische Anschlag auf das World Trade Center vom 11. September 2001 hat das gesellschaftliche Klima vergiftet und Khans Familie zerstört, nun reist er ohne Geld von Kalifornien nach Washington und verlässt sich auf sein Geschick, Dinge aller Art zu reparieren. Doch als er sich dem Präsidenten auf einer Kundgebung nähert, wird er verhaftet - man hält ihn wegen seines Aussehens für einen Terroristen.

Bollywood zielt mit diesem Film auf den Weltmarkt, bietet mit Shah Rukh Khan und Kajol Devgan eines seiner Traumpaare auf und hat die Filmlänge seit der Berlinale-Premiere im Februar um 40 Minuten gekürzt auf verträgliche zwei Stunden. Die Rechnung könnte aufgehen: Eine ebenso aktuelle wie universelle Geschichte trifft hier auf indische Leinwand-Magie.

Superstar Shah Rukh Khan schlägt sich mehr als achtbar in der schwierigen Rolle, die natürlich an "Forrest Gump" erinnert. Wie er in Momenten der Irritation den Kopf neigt und den Blick glasig werden lässt, wie er beharrlich und im besten Glauben eines Kindes sein Ziel verfolgt, das ist nicht nur anrührend, sondern erfüllt von der messianischen Aura eines Märtyrers, der gar nicht anders kann. Als ideale Mit- und Gegenspielerin erweist sich Kajol. Sie macht aus der Normalität, die sie verkörpern soll, einen bunten Hort strahlender Lebenslust, in den sie den seltsamen Einwanderer aus Indien aufnimmt - bis ihr der Schicksalsschlag den Boden unter den Füßen wegzieht und er Verantwortung übernehmen muss, um sie zu retten.

Das mag nach melodramatischem Kitsch klingen und wäre wahrscheinlich ebensolcher geworden, hätten sie im Lande Ghandis nicht einen ganz speziellen Sinn dafür, große Emotionen stilvoll zu inszenieren. Gestochen scharf sind die Bilder und bis ins Letzte stimmig die vielen Farben, ob auf einem Kürbislaster im staubigen Mittleren Westen oder in einem fröhlichen Schönheitssalon an der Westküste.

Die größte Stärke des Films aber sind seine bis zur Vibration aufgeladenen Symbole. Auf seiner Odyssee passiert Khan ein Südstaatendorf, das aussieht wie eine Musical-Kulisse des ländlichen Amerika. Nach einem schlimmen Sturm überflutet, warten die in einer Holzkirche festsitzenden Einwohner vergeblich auf Regierungshilfe. Da zögert der sanftmütige Sonderling nicht lange, sondern startet selbstlos und zur Verwunderung aller eine Aufräumaktion - reparieren kann er ja. So gewinnt er Freunde, nicht nur in der alleinerziehenden schwarzen Mama Jenny, die sich im weißen Amerika ähnlich verlassen fühlt wie er.

Als am Ende bekannt wird, dass Khan ohne Rücksicht auf seine Gesundheit und ohne Beweise interniert worden ist, erinnern andere Immigranten über die Medien an den Wert von Bürgerrechten und erwirken seine Freilassung. Nun darf er ganz offiziell zum Präsidenten, der inzwischen kein weißer Säbelrassler mehr ist, sondern ein schwarzer Kosmopolit. So grundsätzlich hat den USA lange niemand den Spiegel vorgehalten.
 

Bernd Haasis

10.06.2010 - aktualisiert: 10.06.2010 11:38 Uhr

 


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