Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 17.06.2010
La Nana - Die Perle
Der Dornröschenschlaf ist zu Ende
Die Berufssparte der Kindermädchen scheint Filmemacher ähnlich zu inspirieren wie jene der Prostituierten: Angefangen vom Klischee der Nanny als dicker, gutmütiger Sklavin in "Vom Winde verweht" über den Charakter der genauso erzieherischen wie revolutionären Mary Poppins bis hin zur dämonischen Figur der Camilla im Horror-Film "Das Kindermädchen" - keine der Versionen beschäftigt sich ernsthaft sich mit der Realität dieser Frauen.
Hier setzt Sebastián Silvas Film mit dem ironischen Titel "La Nana - Die Perle" an. Das chilenische Multitalent ("Live Kills Me") liefert mit seinem zweiten Film ein gut beobachtetes, hintergründiges Porträt des Kindermädchens Raquel, das sich seit 23 Jahren den Kindern und dem Haushalt einer wohlhabenden Familie widmet. Gerade ist sie 41 Jahre alt geworden. Die Familie feiert sie, überreicht ihr Geschenke und entlässt sie wieder in ihre Arbeit.
Raquel indes ist die Aufmerksamkeit unangenehm. Sie gibt nichts auf ihr Äußeres, hat keine Hobbys und nimmt ihren Job bei "ihrer" Familie mehr als ernst. Raquel ist einsam, erschöpft und unglücklich, ohne es zu wissen. Ihren Frust lässt sie an der Tochter des Hauses aus, die sie erstaunlich offen mobbt. Deshalb und um Raquel zu entlasten beschließt der Familienrat, ein zweites Hausmädchen anzustellen. Raquel ist das gar nicht recht und findet Mittel, die Neuen in kürzester Zeit in die Flucht zu schlagen. Nur die lebenslustige Lucy lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und begegnet ihr mit Großzügigkeit und Humor, dem schließlich auch Raquel erliegt. Eine Freundschaft entspinnt sich, die Raquel aus ihrem Dornröschenschlaf rüttelt.
Silva, der auch das Drehbuch zum Film geschrieben hat, erzählt die Geschichte dieser Metamorphose behutsam, glaubwürdig und erstaunlich einfühlsam. Dabei nutzt er eine bewegliche, im Dogma-Stil geführte Kamera, die oft ihre Perspektive wechselt und dem Geschehen fast dokumentarische Authentizität verleiht. So demontiert er genussvoll das Bild einer "Perle", jenes aufopferungsvollen Kindermädchens, das gerne als Ideal beschworen wird. Er verleiht Raquels Dasein dramatische, tragikomische Züge, ohne seine Figur der Lächerlichkeit preiszugeben.
Grandios ist die Schauspielerin Catalina Saavedra, die Raquels Seelenzustände in feinsten Nuancen zu vermitteln weiß. Auf dem Sundance Film Festival 2009 wurde sie mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet.
Eva Maria Schlosser
17.06.2010 - aktualisiert: 17.06.2010 10:41 Uhr