Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 01.07.2010
Für immer Shrek 3D
Absturz in eine verkehrte Welt
Die Idee hat Charme: Der gestresste Familienvater Shrek möchte mal wieder einen einzigen ruhigen Tag im Sumpf - ohne Windelwechseln, Haushalt und sonstige Alltagsroutine. Also schließt er einen magischen Vertrag ab, ohne das Kleingedruckte zu lesen, wodurch er zum Verfolgten wird und sein Gegenüber Rumpelstilzchen zum Diktator übers Königreich Weit Weit Weg. Ein herrlicher Schurke ist dieses Rumpelstilzchen, ein komplexbehafteter Zwerg, der mit treuherzigem Blick trickst und blufft, schmeichelt und Sehnsüchte weckt. Die Kreativen bei Dreamworks haben die Märchen-Persiflage konsequent weitergedacht, mit der sie seit 2001 Disney herausfordern, und eine halbe Stunde lang funktioniert das: Wie Shrek da mit drei süßen Babies im Familienalltag feststeckt und sich nach Freiheit sehnt, ist er die perfekte Karikatur eines typischen Mannes in der Midlife-Crisis - und die neigen zu Kurzschlussreaktionen, wie jeder weiß.
In diesem Fall stürzt eine Unterschrift nicht nur Shrek in eine verkehrte Welt, sondern den ganzen Film. Der Hexenschwarm, der Rumpelstilzchens Macht absichert, ist ein seltsam lieblos animierter Klonhaufen, und die Dreidimensionalität wird kaum dramaturgisch eingesetzt, sondern nur als oberflächlicher Effekt. Vor allem drängt das Buch Shreks sanfte Frau Fiona in die falsche Rolle: Die wilde Kriegerin nimmt man ihr nicht ab, die Anführerin gleich gar nicht. Als sie ihren Liebsten nicht erkennt, müsste dieser ihr nur all das erzählen, was nur er über sie wissen kann; stattdessen verheddern sich die beiden in einem langatmigen Geplänkel, das den Film lähmt. Einzig die Mutation des Katers zum übergewichtigen Schmusetier sorgt für ein wenig Witz, die anderen Figuren, allen voran Esel und Drachenfrau, laufen auf Autopilot. Das fröhliche Finale gerät zum Déjà-vu - so fühlt es sich an, wenn einer Reihe die Puste ausgeht.
Passable Unterhaltung bietet "Shrek 4" natürlich trotzdem, mehr aber nicht. Für jedermann sichtbar wird dies am 29. Juli, wenn die Disney-Tochter Pixar "Toy Story 3" in die Kinos bringt: Diese Reihe wirkt frisch und spritzig wie am ersten Tag, weil die alten Figuren in einem ausgeklügelten Drehbuch neue Facetten offenbaren, weil sie das Kind in uns allen anrühren, weil sich in der Beschaffenheit des dreidimensionalen Raums immer die Gefühlslage spiegelt.
Bernd Haasis
01.07.2010 - aktualisiert: 01.07.2010 10:18 Uhr