Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 08.07.2010
Mr. Nobody
Filmkünstlerische Mogelpackung
Nemo, der letzte sterbliche Mensch im Jahr 2092, blickt zurück auf drei mögliche Lebensentwürfe, als braver Familienvater mit Elise, als betuchter Wohlstandsbürger mit Jean, als unglücklicher Vagabund ohne Anna. Daseinskreuzungen reflektiert Jaco Van Dormael in seinem mehrdimensionalen Fantasy-Zukunfts-Drama - und hat sich dabei selbst verirrt.
Handwerklich gibt er sich keine Blöße: Mal fällt die Kamera mit einem Wassertropfen vom Himmel genau auf ein Papier mit einer Telefonnummer, die verläuft, mal fährt sie aus einem Schlafzimmerfenster, weitet den Blick auf die Häuserfront und dann die Stadt, welche zur Postkarte wird in einem parallelen Leben. Anders aber als zum Beispiel in Darren Aronofskys "Requiem For A Dream", wo sich kühne Sprünge wundersam zum Ganzen fügen, drängt sich bei Van Dormael der Verdacht auf, dass er mit visueller Brillanz von Defiziten ablenkt - die zwischen vier Ebenen und etlichen Altersstufen Nemos wild hin und her springende Geschichte ist zumindest konfus, zudem erläutern Menschen einander ständig, was unausgesprochen klar sein müsste, und fliehen angesichts zerredeter Gefühle in den Sex.
Vor allem aber gestattet Van Dormael kein Glücklichsein, er suhlt sich im Weltschmerz. Das große "Was wäre, wenn?" wird bei ihm zum Panoptikum möglicher Unglücksfälle, die filmkünstlerische Anmutung zur prätentiösen Mogelpackung. Wie oft kann einer im Selbstmitleid ertrinken? Sehr oft, im Auto, in der Badewanne, im Arbeitszimmer. Wie lang können 138 Minuten sein? Sehr lang, im Kino.
Bernd Haasis
08.07.2010 - aktualisiert: 08.07.2010 12:49 Uhr