Suche nach Kinofilmen
 
 


Filmbeschreibung

Kino-Termine

Dieser Film läuft in folgenden Kinos

 

 

Vorschau ]

zurück


Drucken Versenden
Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 08.07.2010

Herbstgold

Jetzt erst recht: Kopfstand statt Ruhestand

Der gestresste Jiri Soukup ächzt und stöhnt. Gerade hat er sein tägliches Treppentraining im Plattenbau absolviert. "Ich will mein Leben verlängern", keucht der 83-jährige Tscheche ins Mikrofon. Anschließend wird der Hochspringer frische Hefe, Rohmilch, Zitrone und Knoblauch als tägliches Fitness-Special zusammenrühren und sich von seiner ewig grantelnden Ehefrau den mit Altersflecken übersäten Buckel einreiben lassen. Pure Ästhetik hat der Filmemacher Jan Tenhaven nicht im Fokus seiner Dokumentation über fünf Senioren.

"Hochbetagte" nennt die Altersforschung Menschen zwischen 80 und 100. Doch Tenhavens porträtierte Alte bürsten ihr Leben gegen den statistischen Strich: In der Vorbereitung auf die Leichtathletik-Seniorenweltmeisterschaft 2009 in Lahti/Finnland streben sie nach sportlichem Ruhm und der Verlängerung ihres Lebens. Wie sie das angehen und was sie zu sagen haben, ist eine umwerfend selbstironische und Mut machende Auseinandersetzung mit dem Tabuthema Alter. "Wenn ich jetzt aufhöre, bin ich in einem Monat tot, aber ich will euch überleben", sagt Herbert Liedtke und kämpft kopfunter auf seinem Turngerät. Liedtke ist 94, 100-Meter-Läufer und ein echter Platzhirsch. "Dieser Italiener", bruddelt er angesichts seines Konkurrenten auf dem Stadionplatz von Lahti.

Ganz nah kommt Jan Tenhaven seinen Protagonisten. Siegen oder verlieren: Das gilt für die drei Herren und zwei Damen nicht nur bei der Weltmeisterschaft. Das Leben hat ihnen schon viel abverlangt, mit den Kindern gibt es keine Harmonie, die Partner starben, der Körper braucht eine neue Hüfte. Also halten sie sich mit erstaunlicher Selbstdisziplin und hedonistischer Genussfähigkeit am Leben fest, frei nach den Mottos "Jetzt erst recht" und "Ausruhen können wir nach dem Tod". 101 Jahre hat Alfred Proksch auf seinem leicht gekrümmten Buckel. Vor der Kamera ist er der Älteste, aber keineswegs der am wenigsten Vitale. Den Frauen hat sich der Grafiker "immer sexuell genähert", jetzt strebt er nach seiner geglückten Hüftoperation mit dem Gehwägelchen zur Siegerehrung gen Finnland. Zum Weinen schöne und zum Umwerfen komische Szenen machen den Film zu einer Hommage an Menschen, die mehr Respekt in unserer Gesellschaft verdienen. Unsere Empfehlung: Unbedingt anschauen!
 

Brigitte Jähnigen

08.07.2010 - aktualisiert: 08.07.2010 12:53 Uhr

 


Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise