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Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 14.07.2010

New York Memories

Auf dem Dach ist nicht immer oben

20 Jahre sind eine lange Zeit. Für New York ist es eine Ewigkeit. Dies lässt uns Rosa von Praunheim gleich zu Beginn seiner "New York Memories" spüren. Stimmt dies aber? Es stimmt für von Praunheim - und dessen leise Überzeugungsarbeit macht seine filmische Position glaubwürdig.

20 Jahre nach "Überleben in New York" ist von Praunheim zurück. Zurück in Manhattan, zurück in einer Stadt, die er 1987 als befreiend erlebte - auch oder vielleicht gerade in ihrer ungeschminkten Härte. Anna Steegman und Claudia Steinberg hatte er damals als Wegweiser durch wie als Protagonistinnen in New York genutzt. Auch sie trifft er wieder, doch das Interesse an ihrem gegenwärtigen Leben ist spürbar geringer als jene Intensität, mit der von Praunheim über das Leben seiner vormaligen Heldinnen erfahren und verstehen will, was mit der Stadt geschehen ist, die er als die aufregendste der Welt erlebt hat und die ihm nun unerwartet aufgeräumt und sauber erscheint.

Das Erleben des "neuen" New York provoziert den eigenen Rückblick: "Ich mache mich auf meine persönliche Spurensuche", hört man von Praunheim in die ersten Bilder hinein erzählen, "suche Bilder aus meinen alten Filmen, von den wilden 70ern mit Sexpartys, wilden Demos und exzentrischen Warhol-Superstars". Und, ja, "ich erinnere mich an die tragischen 80er Jahre und den wütenden Kampf gegen Aids". Zuletzt: "In den hoffnungsvollen 90er Jahren filmte ich den Aufschrei von Transsexuellen, die sich nicht mehr damit abfinden wollten, ermordet und vergewaltigt zu werden." "Gleichzeitig", so eröffnet von Praunheim den 90-minütigen Feldzug gegen die bürgerliche Existenz, "säuberte Bürgermeister Giuliani die Stadt. Sexclubs wurden zugemacht, Künstler und Obdachlose wurden vertrieben. Manhattan wurde reich und ein Stück langweilig."

Für New-York-Besucher der jüngeren Zeit mag anderes im Vordergrund stehen - ein früher nicht gekanntes Gefühl der Sicherheit oder auch nur eine frappierende Sauberkeit -, für Rosa von Praunheim ist diese Stadt ohne ihren einstigen Furor nicht New York. Oder doch? Er trifft Isaac, der als Mädchen geboren wurde, aber sehr früh ein nicht nur überraschend klares Gefühl dafür entwickelte, ein Junge zu sein - und dies auch in eben dieser Klarheit dokumentierte.

Isaac ist 14, ist Tochter und/oder Sohn eines jener inzwischen Etablierten aus der New Yorker Medienszenerie. Auf deren Klaviatur spielt der Junge, der ein Mädchen war, ihren Erwartungen setzt er sich aus. Zugleich aber ist Isaac ganz und gar ein Kind des New York von heute - kühle Souveränität, Neugier, Mut und Machergeist selbstverständlich verbindend. Andere scheinen noch nicht so weit. Von Praunheim begeistert sich für die Schwestern Marie und Lucie Pohl. Sie sind mit ihren Eltern nach New York gekommen - damals ein bundesrepublikanischer Auf- und Ausbruch voller linksliberaler Widersprüche.

Jetzt bewegen sich Marie und Lucie Pohl zwischen den Welten und den Kontinenten - und kaum jemand könnte erfinden, dass es die Verlagsgelder aus Deutschland sind, die Marie Pohl nach dem Erfolg ihres Erstlings "Maries Reise" die Möglichkeit geben, es weiter in New York zu versuchen. Mit Theater, mit einem eigenen Stück vielleicht gar, von dem Lucie seit ihrer Schauspielausbildung in Deutschland träumt. Vorerst bleibt den Schwestern nur dieser Traum, und zuletzt, wenn nichts mehr hilft, der Weg auf das Dach. Hoch oben tanzen Marie und Lucie dann - und wissen doch, wie unendlich weit der Weg dorthin noch ist.

Kameramann Loren Haarmann findet für diese Momente so intensive wie zurückhaltende Bilder. Wie er es überhaupt meidet, in die Offensive zu gehen. Keine rasanten Kamerafahrten, kein Heranzoomen der Gesichter im Gespräch. Das mag die Distanz unterstreichen, die Rosa von Praunheim während der Aufnahmen im Frühjahr 2009 in und für diese Stadt empfand, mehr noch aber erlaubt gerade Haarmann eine Annäherung unter neuen Vorzeichen. Zu diesen zählt auch eine reale neue Liebe von Praunheims. Oliver taucht kurz auf, ein blonder junger Mann, bei "New York Memories" ist er mit für den Ton zuständig. Und dann ist da, im Frühjahr 2009, noch das Gefühl, dass Barack Obama es schaffen könnte.

Versteckt und offen blüht es in New York - und auch Rosa von Praunheim kann sich dem Zauber des zugegeben unspektakulär Schönen nicht entziehen. Bildet er deshalb den größtmöglichen Gegensatz mit ab, den Besuch von Anna Steegmann und ihrem Mann in Görlitz? Es ist ein so unfreiwillig komischer wie bitterer Moment, als die beiden sich ein mögliches Leben in der Görlitzer Altstadt schönreden. Wenn nichts mehr hilft in New York, "haben wir noch immer die Wohnung in Görlitz", sagt Anna - und Rosa von Praunheim wechselt hinüber in die Stadt, in der es Lucie und Marie Pohl noch einmal versuchen wollen, in der Isaac mit seinem Vater Filme über sein Leben dreht und eine eigene Internet-Community bedient. Und in der Claudia Steinberg seit 15 Jahren mit ihrer im intellektuellen Kernmilieu der Stadt verankerten Lebensgefährtin ein Leben zwischen dem Warten auf Gestaltungs- und Reisetextaufträgen und Bergen von zu lektorierenden Manuskripten führt.

Anna Steegmann ist in New York überfallen worden, Claudia Steinberg hat am Hudson mehr als einmal auch eigenen Luxus vergehen sehen. Und doch würde man sich nicht wundern, wenn gerade diese beiden aufsteigen würden zu Marie und Lucie Pohl - zum Tanz über den Dächern von New York.
 

Nikolai B. Forstbauer

14.07.2010 - aktualisiert: 14.07.2010 12:48 Uhr

 


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