Artikel aus den Stuttgarter Nachrichten vom 30.07.2010
Toy Story 3 - 3D
Für einen Tag noch einmal Kind sein
Wie verhält man sich zur Tyrannei? Pixar überzeugt einmal mehr mit makelloser Animation und dem besten Drehbuch seit langem
Fünfmal in Folge hat das Animationsstudio Pixar den Oscar für den besten animierten Spielfilm geholt, und das liegt nicht nur an der makellosen Computeranimation, die es mit "Toy Story" (1995) als Pionier vorangetrieben hat: Kaum jemand sonst schreibt so stimmige Drehbücher, so überwältigende Dramen, Abenteuer und Thriller wie die Trick-Spezialisten aus Kalifornien.
Das gilt auch für "Toy Story 3". Die Spielzeuge um Cowboy Woody und Space Ranger Buzz Lightyear geraten in ihre bis dato größte Krise, weil ihr Besitzer Andy, inzwischen 17, mit der Schule fertig ist und aufs College geht - er lässt die Kindheit hinter sich und räumt sein Zimmer. Dass seine Spielsachen im Kindergarten Sunnyside landen, wo ein nur scheinbar gütiger Teddy als Tyrann regiert, ist freilich ein Versehen, dem sie in einem waghalsigen Abenteuer zu entkommen suchen.
Wie in den beiden ersten Teilen erzählen Regisseur Lee Unkrich und seine Co-Autoren John Lasseter ("Toy Story" 1 und 2) sowie Andrew Stanton ("Findet Nemo", "Wall-E") durch die Spielzeuge eine urmenschlich anmutende Geschichte mit allen Gefühlslagen, zu denen intelligente Wesen fähig sind. Dabei gelingt ihnen erneut das Kunststück, Kinder und Erwachsene gleichermaßen zu bedienen: Die mit Witz und Spannung gespickte Handlung funktioniert auch, wenn man die unzähligen klugen Anspielungen im Subtext nicht versteht.
Für Woody, schon immer Andys Liebling, stellt sich wieder einmal die Frage der Loyalität. Der alte Lotso, dessen gnadenlosester Scherge eine Babypuppe ist, eine Art Kindersoldat, wird psychologisch durchleuchtet bis auf den Grund seiner Verbitterung. Ausgerechnet Barbie und Ken, auch sie erstmals dabei, geraten in eine Auseinandersetzung darüber, wie man sich zu einem totalitären Überwachungs-Regime verhält. Und ein weiterer Sunnyside-Insasse, der den Widerstand unterstützt, wird zum Märtyrer.
Der temporeiche, mit vielen überraschenden Wendungen ausgestattete Plot verliert keine Sekunde lang seine Spannung. Woody probt den Drachenflug, Dackel Slinky stellt sich einmal mehr als Brücke zur Verfügung, die diesmal in die Freiheit führen soll, Buzz erleidet zuerst einen Rückfall und zeigt dann eine völlig unbekannte Seite, und den drei Aliens kommt nun zugute, das sie "Die Kralle" verehren, mit der sie einst aus dem Spielautomaten gezogen wurden.
Die schönste Szene ist die, in der Andy die kleine Molly trifft, mit ihr für einen Tag wieder Kind wird und die Spielsachen noch einmal zum Leben erweckt, die so lange seine Fantasie beflügelt haben. Pixar peilt den sechsten Oscar an mit einer Fortsetzung, die ihre großartigen Vorgänger sogar übertrifft.
Bernd Haasis
30.07.2010 - aktualisiert: 30.07.2010 09:56 Uhr