Drucken Versenden

Alfa Romeo

Der Mythos aus Mailand

Seit genau 100 Jahren bereichert Alfa Romeo die Autowelt. Um die italienische Marke ranken sich Episoden und Legenden. Auch als kleine Tochter im Fiat-Konzern bewahrt sie sich ihre Liebhaber.

Der abergläubische Alfa-Werksfahrer Ugo Sivocci traut seinen Augen nicht, als er 1922 bei der Targa Florio auf Sizilien mit der Nummer 13 starten soll. Seine Fluchtgedanken nehmen schon realistische Formen an, als ein Mechaniker beherzt einschreitet: Er malt ein vierblättriges Kleeblatt in einer weißen Raute auf den Rennwagen. Sivocci gewinnt seine Zuversicht zurück und am Ende sogar das Rennen. Dieses grüne Kleeblatt (ital. "quadrifoglio verde") ziert heute die besonders leistungsstarken Alfa-Serienmodelle.

Nicht alle Geschichten im Laufe der 100-jährigen Alfa-Geschichte gehen so gut aus wie diese: Wirtschaftliche Kapriolen und gestalterische Abenteuer bescherten der Marke unter dem Zeichen des Kreuzes und des Drachens, der gerade ein Kind verschlingt, ein heftiges Auf und Ab. Begonnen hat die Ära Anonima Lombarda Fabricca Automobili (A.L.F.A.) am 24. Juni 1910 im Mailänder Quartier Portello unter Federführung lombardischer Geschäftsleute. Heute existiert das Werk in Portello längst nicht mehr. Bereits 1960 platzte es aus allen Nähten, und man siedelte in den nordwestlich gelegenen Vorort Arese über. Hier haben in besten Zeiten 23000 Menschen gearbeitet. Das letzte Auto wurde dort vor zehn Jahren gefertigt, als sich der Fiat-Konzern in einer schweren Krise befand. Jetzt muss man mit der Lupe suchen, um gerade noch sieben Angestellte zu finden, die unter dem Alfa-Markenzeichen das Firmenarchiv und das Museum betreuen. Lohnenswert ist ein Besuch im Museum allemal – nicht nur deshalb, weil man keinen Eintritt bezahlen muss. Die 135 Schmuckstücke auf Rädern legen ein eindrucksvolles Zeugnis über die unterschiedlichen Alfa-Epochen ab, als es zwischen genialer Technik und schwankender Qualität hin und her ging.

Dann aber, nachdem man um eine Säule gebogen ist, steht da der Ur-Alfa 24 HP, der vor 100 Jahren vorgestellt wurde. Auf den ersten Blick unterscheidet sich der Viertürer nicht sonderlich von den Automobilen seiner Zeit. Aber: Seine Hinterräder werden nicht per Kette, sondern mit einer Kardanwelle angetrieben. Anderen immer ein wenig voraus zu sein, das sollte das Motto der Mailänder Automarke bleiben. Das gilt auch für den 159– nein, nicht den der aktuellen Pkw-Baureihe, sondern für den Formel-1-Siegerwagen von Juan Manuel Fangio aus dem Jahr 1951.

Natürlich hat die ehemalige Mailänder Traditionsmarke schon früher bei den Wettbewerben mit den Schnellsten geglänzt. Bei der Targa Florio, dem ältesten Rundstreckenrennen der Welt, passierte allerdings 1911 ein Patzer. Alfa-Fahrer Nino Franchini wäre nach der Überlieferung nämlich auf den ersten Rängen gelandet, hätte ihm nicht der Vordermann so viel Matsch ins Gesicht geschleudert, dass er von der Strecke abkam. Im Laufe der Jahrzehnte wurde dieser Flop durch zahlreiche Rennsiege samt zweimaliger Formel-1-Weltmeisterschaft wettgemacht.

Zu den außergewöhnlichen Stücken im Museum gehört der Tipo 103, der um 1960 als Prototyp entwickelt wurde. Es handelt sich um eine viertürige Stufenhecklimousine mit einem quer eingebauten 0,9-Liter-Vierzylinder unter der Haube. Das wäre der erste Alfa Romeo mit Frontantrieb geworden. Eingefleischte Alfa-Romeo-Liebhaber gibt es auf der ganzen Welt. In Deutschland verkörpert die Alfa-Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg kein anderer so ausgeprägt wie Helmut Hähn in Mannheim. Der 78-jährige Kfz-Meister hat seit Anfang der 1960er Jahre rund 1500 Alfas verkauft und steht immer noch jeden Tag in seiner Werkstatt. Ein Schwarz-Weiß-Postkärtchen ist das Erste, was einem der umtriebige Meister höchstpersönlich in die Hand drückt. Darauf abgebildet: ein Alfa GTA in rasanter Kurvenfahrt, dazu die Porträts der Herren Harald Ertl, Jochen Mass und Gerd Schüler. "Das war eine schöne Zeit, die ganze Rennerei", sagt Helmut Hähn, und sein Blick bekommt beim Gedanken an die Rennerfolge in den 60er und 70er Jahren etwas Verklärtes.

Helmut Hähn hat zwar keine Fahrzeuge aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts, ein paar italienische Kostbarkeiten kann er freilich vorweisen: Der in den 1970er Jahren von Bertone entworfene und lediglich 3925- mal gebaute Montreal steht selbstbewusst an exponierter Stelle und passt ganz hervorragend zu den leicht vergilbten Siegerkränzen und Urkunden an der Rückwand des Verkaufsraums. Etwas über 70000 Kilometer hat Helmut Hähn den V8-Granturismo selbst gefahren, jetzt wird er verkauft. "Bekanntlich kann man ja nichts mitnehmen, das gilt auch für meinen Montreal", lässt der Mannheimer seinen trockenen Humor aufblitzen. Ein Stückchen weiter steht eine vorbildlich gepflegte Giulietta Sprint aus dem Jahre 1961.

Eine echte Rarität ist der von Alfa Romeo und der Mailänder Designschmiede Zagato gemeinsam produzierte SZ (Sprint Zagato), der 1989 auf dem Genfer Salon seine Premiere feierte. "Das ist ein ganz toller Wagen – und aus diesem Grund zunächst auch unverkäuflich", stellt der Meister klar. Aber für die lebende Alfa-Legende gab es im vergangenen Herbst einen gehörigen Dämpfer, als er seine offizielle Alfa-Händlerlizenz abgeben musste. Aber sein glühendes Alfa-Herz schlägt weiter: Das geht so weit, dass der Meister mitunter selbst sonntags ein paar Stunden lang an seinen geliebten Alfas und den Autos von Kunden werkelt, denen kaum ein Weg für den Service zu weit ist. Eine Automobilmarke mit solchen überzeugten Anhängern kann nicht untergehen, erst recht nicht nach 100 bunten Jahren.

100 Jahre Alfa Romeo

Die Anfänge
Bereits 1906 lässt der französische Automobilbauer Alexandre Darracq auf einer Wiese an der Via del Portello ein Automobilwerk errichten. Nur vier Jahre später übernehmen Geschäftsleute aus der Lombardei das Werk und gründen die Società "Anonima Lombarda Fabrica Automobili" (A.L.F.A.). Das erste Modell, der 24 HP, wird von einem 42 PS starken 4,1-Liter-Motor angetrieben, der den Wagen über 100 km/h schnell macht. Verzögert wird damals noch mit zwei kleinen Trommelbremsen an der Hinterachse. Mit Eintritt des Industriellen Nicola Romeo ändert sich ab 1915 der Firmenname in Alfa Romeo.

Die Entwicklung
Mit dem Modell 1900 gelingt Alfa Romeo Anfang der fünfziger Jahre der Schritt von der Fahrzeugmanufaktur zum Großserienhersteller. 1954 erscheint mit der 1,3 Liter großen Giulietta der Alfa Romeo für den "kleinen Mann". Ab 1972 hat die Marke mit dem Alfasud ein neues kompaktes Modell im Angebot. Der Alfasud ist der erste Fronttriebler des Hauses. 1974, zur Zeit der Energiekrise, arbeitet erstmals ein Dieselmotor unter der Haube eines Alfa Romeo. 1986 gliedert Fiat den Wettbewerber in seinen Konzern ein.

Der Motorsport
Enzo Ferrari wird 1920 von Alfa Romeo als Werksfahrer verpflichtet. Später übernimmt Ferrari die Leitung des Rennteams und macht sich 1929 selbstständig. So wird die "Scuderia Ferrari" zur Rennabteilung von Alfa Romeo. 1950 wird Giuseppe "Nino" Farina der erste Weltmeister der Formel-1-Geschichte. Sein Teamkollege Juan Manuel Fangio macht es ihm im Folgejahr nach.
 

Von Gundel Jacobi

11.08.2010 - aktualisiert: 11.08.2010 15:47 Uhr

 



Anzeigen
 
 
Lesen Sie sich die Druckausgaben digital im Originallayout mit allen Bildern durch.
ePaper
Für Abonnenten
Für Kaufinteressenten
» Abonnement
» StN Digital
» Einzelexemplar
» Infos
» Preise